Eine andere Art der Kartografie
06. 10. 2009red.
Neuerscheinungen über Kartografien von Landschaften, Filmindustrien und der Kunst in Deutschland.
Nollywood, von Pieter Hugo, Presel Verlag, München 2009, 120 S., engl., 39,95 Euro, 67 FrankenWer unversehens Pieter Hugos Fotoband „Nollywood“ aufschlägt, wird in ein Wachsfigurenkabinett des Schreckens katapultiert. Eben erst hat ein Vampir sein Opfer erlegt. Das Blut am Hals der jungen Frau ist noch feucht, aus einem Unfallauto schält sich ein aschfarbener Zombie heraus. Dass Nigerias Filmindustrie nach Hollywood und Bollywood die drittgrößte in der Welt ist, war auch dem in Südafrika lebenden Fotografen Pieter Hugo lange nicht bekannt. 1000 bis 1500 Low-Budget-Filme werden jährlich gedreht, unter den Nigerianern finden sie reißend Absatz, sie werden in improvisierten Openair-Kinos gezeigt, aber auch in den nigerianischen Gemeinden Londons. Was ein waschechter Nollywood-Regisseur braucht, ist ein Autocrash, ein Sarg, ein Vampir oder Geist und ein wenig Handlung. Ein faszinierender Foto-Essay, der einen nicht kalt lässt.
Vertrautes Terrain. Aktuelle Kunst in und über Deutschland, hrsg. von Gregor Jansen, Thomas Thiel, Kehrer Verlag 2009, 464 S., 36 Euro, 59 Franken
Deutsche Kunst sei pathetisch und schwermütig, so geht das Vorurteil. Und ein wenig folgt auch der Katalog zur Ausstellung „Vertrautes Terrain. Aktuelle Kunst in und über Deutschland“, die im Karlsruher Museum für Neue Kunst zu sehen war, dieser Zuschreibung. Mit 464 Seiten ist der Band alles andere als ein Leichtgewicht. Tatsächlich jedoch macht er sich eher auf einen Lustmarsch durch das Gebiet der
deutschen Gegenwartskunst, die nicht unbedingt national definiert sein muss, nicht einmal ästhetisch, denn auch Musik, Architektur und Design werden einbezogen. Da er dabei die Gesprächsrunden der Ausstellung dokumentiert, fehlt häufig ein wenig der rote Faden. Dass sich Deutschland hier jedoch wie ein Spielplatz präsentiert, gibt Sympathiepunkte.
Annette Hoffmann
Glen Rubsamen, Take all the time you need, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2009, englisch, 184 S., 35 Euro, 57 Franken
Es gibt nicht viele Künstler, die sich dem Format des klassischen Katalogtextes in ihren Publikationen so konsequent verweigern, wie der amerikanische Maler Glen Rubsamen. Warum? Er kenne keine Kritiker, sagt er, die seine Arbeit angemessener in Sprache übersetzen könnten, als jene versprengte Gruppe von Science-Fiction-, Pulp- und Drehbuchautoren, die er um Beiträge bittet. Das ergibt durchaus Sinn. Seit Mitte der 90er Jahre kreisen Rubsamens Bilder um Fragen der Konstruktion von Landschaft. Während er in seiner Malerei Schattenrisse von Palmen, Laternen, Funkmasten und anderen Versatzstücken der urbanen Welt unter glühenden Himmeln zu psychedelischen Fiebertraumgegenden arrangiert, spinnen die Autoren die wechselseitige Mimikry von Natur und Zivilisation, die Rubsamen hier thematisiert, zu tollen Zukunfts-Plots über die Emanzipation der Dinge von der Herrschaft des Menschen weiter. Mit von der Partie ist diesmal unter anderem der junge Sci-Fi-Theoretiker Mark von Schlegell, der kürzlich mit einem inspirierenden Essay über die Realitätsmodelle der amerikanischen Romantik sein deutschsprachiges Debüt im Merve Verlag gegeben hat.
Dietrich Roeschmann
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