Streifzug durch die Kunstgeschichte

12. 10. 2009
Florian Weiland

Interieur und die Künstlergruppe Zero. Zwei Monografien aus dem Herbstprogramm.

Karl Schütz, Das Interieur in der Malerei, Hirmer Verlag, München 2009, 384 S., 138 Euro, 231 Franken
Das Interieur erfreut sich auch in der aktuellen Kunst größter Beliebtheit. Karl Schütz zeichnet die Entwicklung der Bildgattung, die er, obwohl sie lange Zeit von der Forschung eher stiefmütterlich behandelt wurde, als vielseitigste von allen preist, von der Antike bis zur Gegenwartskunst in sechs Kapiteln nach. Interieurs erzählen vom Lebensraum der Menschen und genau darin liegt für den Autor der Erfolg der Interieurmalerei begründet. Der Betrachter werde zum Eindringling, dem es gelinge, einen Blick in einen ihm ansonsten verschlossenen Raum zu werfen. Die Interieurmalerei befriedigt die Neugier des Betrachters – doch das ist nur eine ihrer Funktionen. Der prachtvolle Bildband ist ein Augenschmaus. Der Autor, Leiter der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien, lädt zu einem spannenden und höchst lehrreichen Streifzug durch die Kunstgeschichte. Ganz in der Tradition des Kunsthistorikers Wolfgang Kemps versteht er den perspektivischen Tiefenraum als Erzählraum, in dem Türen und Fensteröffnungen, die die Grenze zwischen Innen und Außen markieren, besondere Bedeutung zukommt. Mit Jan van Eyck ist ein erster Höhepunkt in der Innenraumdarstellung erreicht: ein Spiegel bezieht die unsichtbare vierte Wand in das Bild ein. Detailliert und kenntnisreich erklärt Schütz in exemplarischen Bildbeschreibungen den Wandel der Darstellungsformen. Die Bandbreite überrascht. Und so führt das Buch auf knapp 400 Seiten die unterschiedlichsten Positionen zusammen. Von Giotto zur niederländischen Genremalerei, von der Pop-Art bis hin zu Anselm Kiefer und Jörg Immendorff. Den Schlusspunkt setzt Juan Munoz, dessen Beitrag als zeitgenössisches Resümee zur Entwicklung der Interieurmalerei gedeutet wird.


Epoche Zero, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2009, 2 Bde., 708 S., 98 Euro | 172 Franken
Obwohl sich die im April 1957 von Heinz Mack und Otto Piene gegründete Künstlergruppe ZERO, der sich 1961 Günther Uecker anschloss, bereits 1966 wieder auflöste, ist ihr Einfluss heute stärker denn je. Umso überraschender, dass es nur wenige gute Überblickwerke gibt. Und so ist es mehr als begrüßenswert, dass mit „Epoche ZERO“ nun ein neues, zweibändiges Standardwerk vorliegt. Im Zentrum steht die Sammlung Lenz Schönberg. Band 1 präsentiert die Werke der Sammlung, die die ganze Bandbreite der ZERO-Bewegung nahezu lückenlos widerspiegelt. Wie nicht anders zu erwarten, treten persönliche Vorlieben des Sammlerpaars deutlich zutage, etwa in der starken Fokussierung auf Uecker, der seine ZERO-Zeit im Rückblick als kurzes „Gastspiel“ einstuft. Band 2 zeichnet die Entwicklung der Gruppe nach, die nach dem Ende des Naziterrors einen radikalen Neuanfang in der Kunst suchte, und geht auf wichtige Ausstellungen der ZERO-Bewegung im In- und Ausland ein. Auch die oftmals freundschaftlichen Kontakte zwischen Sammlern und Künstlern werden thematisiert. Ulrike Schmitt räumt in ihrem grundlegenden Essay mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, ZERO sei lediglich mit drei Düsseldorfer Künstlern in Verbindung zu bringen. ZERO wird als europäische Kunstbewegung definiert. Antwerpen und Mailand rücken als weitere Zentren in den Blick, zudem wird der eminent wichtige Einfluss von Yves Klein und Lucio Fontana als „geistige Väter“ der Gruppe aufgezeigt. ZERO lebt!, war kürzlich eine Ausstellung in Ulm überschrieben. Treffender kann man es nicht sagen.
Florian Weiland

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