Erkundungen in der Black Box

15. 12. 2009
Dietrich Roeschmann

Für die Zukunft gemacht? Von wegen: Medienkunst hat ein Haltbarkeitsproblem. Nun ist ein Band dazu erschienen.

Vierzig Jahre sind für Kunstwerke in der Regel ein überschauberer Zeitraum. Erst recht, wenn sie nicht dauerhaft den widrigen Bedingungen des Ausstellungsraums ausgesetzt sind, sondern wohl behütet in den klimatisierten Depots der Museen lagern – vorausgesetzt, das Material spielt mit. Doch genau da beginnt das Problem mit der Medienkunst. Gemessen an den Herausforderungen, die die Konservierung von frühen Videoarbeiten aus den 1970er Jahren bedeuten, nimmt sich der Erhalt von Dieter Roths Schoko-, Keks- und Käseskulpturen wie eine Fingerübung aus. Mit der rasanten Entwicklung von Hardware und Software hat sich auch das Verfallstempo der frühen Medienkunst beschleunigt: Bänder lösen sich auf, Informationen werden unlesbar, altertümliche Geräte geben ihren Geist auf und machen es so unmöglich, die Kunst, die für sie – und oft nur für sie – entwickelt wurde, überhaupt noch zu präsentieren.

2008 widmete das Kunstmuseum Luzern diesem Problem eine beispielhaft konzipierte Ausstellung. Gezeigt wurden zentrale Arbeiten von Alexander Hahn, Silvie & Chérif Defraoui, Gérald Minkoff, Jean Otth, Pipilotti Rist, René Pulver und anderen Schweizer KünstlerInnen aus der Frühzeit der Videokunst – nicht wenige zum letzten Mal, wie das Kuratoren-Duo Johannes Gfeller und Irene Schubiger vom Forschungsprojekt „Aktive Archive“ betonte. Denn jede weitere Präsentation käme der Selbstzerstörung der Werke gleich. Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation: zwar existieren die frühen Positionen der Schweizer Videokunst noch, aber sie sind für niemanden mehr zugänglich. Um so erfreulicher ist es da, dass Irene Schubiger nun in Buchform noch einmal einen Blick in diese Black Box ermöglicht. Neben kurzen Einführungen zu den wichtigsten Arbeiten dieser Ära versammelt der Band grundlegende Texte zur Geschichte der Videokunst in der Schweiz, ihrer Rezeption und den konservatorischen und kuratorischen Bedingungen ihrer Vorführung.


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