Der andere White Cube

16. 12. 2009
Annette Hoffmann

Mit der Ausstellung „Selections“ stellt sich die Sammlung und das Museum Biedermann vor.

So frisch dieses Weiß ist, stammt es doch genau genommen aus einer Zeit, in der an den White Cube als Ausstellungsraum noch lange nicht gedacht wurde. Das Gebäude des Museum Biedermann, idyllisch an der Brigach und am Rande des Schlossparks in Donaueschingen gelegen, wurde früher nicht nur als Kino genutzt, sondern war Mitte des 19. Jahrhunderts der Sitz der Museumsgesellschaft und damit ein Ort, an dem sich das aufgeklärte Bürgertum zu kulturellen Veranstaltungen und zum Meinungsaustausch traf. Ein White Cube also im klassizistischen Weiß. Schlicht „Museum“ steht heute über dem Portal des strahlend weißen Gebäudes, das die Familie Biedermann nun behutsam restaurieren ließ. Die Offenheit strahlt es immer noch aus. Innen birgt das Haus einen repräsentativen Ballsaal, einen eigens geschaffenen Trakt für Installationen und Ausstellungsräume mit Tageslicht.

„Selections“ heißt die erste Ausstellung, mit der das Museum Biedermann sich und die Sammlung der Öffentlichkeit vorstellt. Fünf Räume hat die Leiterin des Museum Simone Jung zur Premiere bestückt, in einem kleineren Kabinett sind zudem Arbeiten vom Schwarzwaldmaler Albi Maier zu sehen. Privatmuseen wie das der Familie Biedermann spiegeln einen persönlichen Geschmack wider mit all seinen Konsequenzen. Da mag es sein, dass nicht jedes Werk museumswürdig ist, da kann es aber auch sein, dass offenkundig wird, wie stereotypisch Museumskanons landauf, landab funktionieren und dass neben diesen Haupt- noch viele Nebenwege möglich sind. „Selections“ führt aber zugleich in die Geschichte der Sammlung ein. Und die startet in den 1980er Jahren, als Margit Biedermann begann, sich für die neue, wilde Malerei zu interessieren. Arbeiten von Rainer Fetting, etwa „Van Gogh und die Taschenlampe“ oder Middendorfs „Nashorn“ von 1979/80 dokumentieren dies. Es lassen sich aber auch neuere Werke wie die Gouache von Jochen Mühlenbrink aus dem Jahr 2002 finden, die einen nackten Mann in heroischer Pose zeigt, obwohl an seinem Gewehr eine weiße Fahne hängt. Was bei dieser ersten Präsentation der Sammlung in den eigenen Museumsräumen auffällt, sind die ironischen Brechungen. Da übersteigt Stefan Rohrers Skulptur „Vespa“ noch die Kraftmalerei dieser Malerei. Denn der verlängerte Roller überschlägt sich schier und dreht Schlaufen in der Luft. Mobilität ist ganz der Virtuosität von Bewegung gewichen. Auch im nächsten Raum ist ein derartiges Moment zu beobachten. So konterkariert Sebastian Kuhns „Polyrhythmic Walkabout“ aus drei miteinander verkeilten Klaviersegmenten die beiden großformatigen Bilder „Salon de musique“ von Piero Pizzi Cannella. Aus der Schwärze ihres Bildgrundes tauchen Kronleuchter wie Seerosen in einem Teich auf. Die repräsentativen, großbürgerlichen Räume, die diese Malerei evoziert, wird durch Kuhns Furor unterlaufen, der Klaviere auseinander nimmt, um sie neu zusammenzusetzen.

Ein Raum ist fast ganz der Farbe schwarz gewidmet. Er vereint etwa Arbeiten von Cannella, dessen Kleider-Serie weniger zu überzeugen weiß, mit einem Bild von Pierre Soulages aus dem Jahr 1990. Die Arbeit „Polyptyque“, sicherlich nicht die stärkste von Soulages, setzt sich aus vier verschiedenen Teilen zusammen, deren Oberfläche der Maler unterschiedlich behandelt hat und die daher das Licht jeweils anders spiegeln. Der fünfte Raum im Obergeschoss spielt den Minimalismus und seine zeitgenössischen Interpretationen unbekümmert durch. Während ein Ellsworth Kelly dabei eine Art historische Position einnimmt, die in der Sammlung auch durch Grafiken von Wolfgang Laib vertreten ist, eignet sich etwa die 1957 geborene Maria Elena González mit ihrer Installation „Three Cube Charme“ von 2005 Donald Judds „Stacks“ an. Anders jedoch als die übereinander gelagerten Blöcke Judds weisen González’ Objekte nicht nur eine pastellene Farbigkeit auf, sondern auch Einbuchtungen und andere individuelle Spuren. So entstehen Dialoge.


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