Als die Bilder das Flimmern lernten

22. 12. 2009
Sören Schmeling

In der Kunsthalle Messmer in Riegel ist "Victor Vasarely + 50 Jahre Konstruktive Kunst in Paris" zu sehen.

Warum dürfen Fernsehmoderatoren keine klein karierten Jacketts tragen? Bei der Übertragung auf die Bildzeilen der Mattscheibe führen Interferenzen dazu, dass sich die Karos leicht verschieben und ein rotierend, changierendes Eigenleben entwickeln. Wer sich derlei optischen Effekten im unbewegten Bild aussetzen will, der muss sich auf den Weg nach Riegel in die Kunsthalle Messmer machen. Mit „Victor Vasarely + 50 Jahre Konstruktive Kunst in Paris“ werden dort in der zweiten Ausstellung des Hauses auch einige Op-Art-Klassiker der frühen 60er Jahre ebenso wie gegenwartsnahe Positionen gezeigt.

„Novae“ nennt Vasarely 1959 sein mittig geteiltes Quadrat dessen Bildhälften genau gegenläufig angelegt sind. Links auf weißem Grund vergrößern sich zum Zentrum des oberen Bildviertels schwarze Quadrate, während sie sich im unteren Viertel verkleinern und mit dem Untergrund beinahe eins werden. Im rechten Bildteil geschieht das gleiche auf schwarzem Grund genau spiegelverkehrt. Schaut man genau hin, flimmern die Quadratfelder, treten aus der Bildfläche hervor oder in sie zurück. „Kunst zu schaffen, die gemeinsames Gut und allen zugänglich ist“, lautet ein Credo Vasarelys, das derart einfache, wie wirkungsvolle Werke illustrieren. Auch an ihrer günstigen druckgrafischen Reproduktion und Verbreitung war der einstige Werbegrafiker sehr interessiert. Ob jedoch der Ungar Vasarely oder der Pole Henryk Berlewi, der schon um 1920 ähnliche Bildschöpfungen hervorgebracht hat, Vater der Op-Art ist, wird in der Riegeler Ausstellung klar zugunsten von Vasarely entschieden. Vasarelys frühe Arbeiten aus den 50er Jahren sind abstrakte, teilweise aber noch von Naturformen beeinflusste Bildschöpfungen. So waren es auch die Streifen eines Zebras, die Vasarely zu seinem bekanntesten gleichnamigen Bild anregten, das heute als stilbegründend für die Op-Art gilt. Später tritt auch die Farbe in sein optisches Vexierspiel. Mit der Umkehrung der Farbperspektive entstehen räumliche Kippbilder, in deren polyvalenter Räumlichkeit sich Bildstrukturen verselbständigen und die sich während des Betrachtens in Bewegung setzen. Diese strukturellen Trompe-l’oeils, die unsere visuelle Wahrnehmung physiologisch wie psychologisch befragen, gehören wohl zu den bekanntesten Bildfindungen des Wahlfranzosen, der nach seinem Studium an der Budapester Akademie nach Paris zog. Neben den 30 Arbeiten Vasarelys präsentiert die Messmer Foundation auch 60 weitere Werke zwischen konstruktiver Abstraktion und Konkretion. Die meisten entstammen dabei der Sammlung „Lahumière“ aus Paris. Einige der aktuelleren Positionen machen dabei öfters Anleihen an die Op-Art: Das Relief- oder Rollbild „structure formes couleurs“ des Palästinensers Yaacov Agam arbeitet mit der Bewegung des Betrachters im Raum. Nach einem der Informationstechnologie entlehnten Binärsystems sind vom rechten Bildrand nur schwarz-weiße vom linken nur farbige Strukturen wahrnehmbar. Geht man sukzessive vorbei, verknüpfen sich die Formen fließend.

Günther Fruhtrunks großformatiges Tableau von 1971 zeigt dem Titel nach „Rot aus Schwarz aus Grün“, die Farben sind in mehreren vertikalen Streifen unterschiedlicher Breite auf dem Bild angeordnet. Bei genauem Hinschauen entdeckt man aber dünne blaue Linien, die die Farbbänder teilweise konturieren. Mal leuchtend, mal abgetönt unsichtbar erscheinen oder verschwinden sie von der Bildfläche und bringen sie dadurch subtil zum Schwingen. „Freisein des Sehens“, so hat Fruhtrunk die Wirkung seiner Bilder beschrieben. Und jedem steht es offen, sich durch sie befreien zu lassen.



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