Modell für einen Maler

23. 12. 2009
Yvonne Ziegler

In Baden-Baden veranstalten das Museum Frieder Burda und die Staatliche Kunsthalle eine Baselitz-Retrospektive.

Was den Besuch von Retrospektiven immer wieder reizvoll macht, ist die Möglichkeit, unbekannte Seiten eines Künstlers zu entdecken und ein Oeuvre in seiner Gesamtheit zu rezipieren. Natürlich kann das Ganze auch erschlagen, zuviel des Einen sein. So ist es in Baden-Baden jedoch nicht, wo die seit 2004 Seite an Seite stehende Kunsthalle Baden-Baden und das Frieder Burda Museum erstmals kooperieren und dem Bildhauer und Maler Georg Baselitz eine gemeinsame Schau ausrichten. Wer nur ein Haus besucht, versteht so auch nur die Hälfte. Denn die Ausstellungen haben jeweils ein eigenes Profil: das Burda Museum zeigt Gemälde, die Kunsthalle jedoch Skulpturen und Gemälde im Dialog.

Georg Baselitz ist für farbintensive Gemälde bekannt, deren Motive nicht nur auf dem Kopf stehen, sondern auch „kopfüber“ gemalt werden. Es sind großformatige figürliche Bilder, die das Abbild von Realität nicht negieren, sondern ihre Lesbarkeit durch Umdrehung erschweren und so die Entzifferbarkeit der Motive verzögern. Bereits 1909 hat Wassily Kandinsky erkannt, dass der Gegenstand seinen Bildern schadet und sich daraufhin Schritt für Schritt vom Gegenständlichen befreit, um schließlich zur Abstraktion zu gelangen. Baselitz kämpft mit ähnlicher Intension und Intensität gegen die einnehmende Kraft des Motivs. Zur Bildlösung der Motivumkehrung kam der Künstler 1969 durch Bildzumalungen von Porträts und durch fleischfarbene, farbschwere Bilder, wie man sie im unteren Geschoss des Museum Frieder Burda sehen kann. Mächtige unförmige Gestalten vor schwarzem Hintergrund. Diese frühen Bilder sind von Fleischlichkeit und sexueller Obszönität geprägt, zumeist ist ein männliches Geschlechtsteil zu sehen. Baselitz bekannteste Bild – „Die große Nacht im Eimer“ –, das einen verwachsenen Zwerg beim Onanieren zeigt und 1963 einen Skandal auslöste, fehlt in der Schau allerdings. Bereits in diesen frühen Bildern ist das Aufbegehren des in Deutschbaselitz geborenen Hans-Georg Bruno Kern (er nennt sich seit 1961 Georg Baselitz) gegen die Gegenwart und Vergangenheit von Ost- und Westdeutschland, gegen Ideologie, Krieg und Kapitalismus deutlich zu spüren und wird sein Werk durchziehen.

Befreiung vom Motiv
Die Ausstellung im Frieder Burda Museum ist nicht chronologisch gehängt und so muss man sich die weitere Entwicklung zusammensuchen, das ist eine Schwäche, die nicht allein durch technisch-konservatorische Restriktionen wie Licht oder Wandgröße erklärt werden kann. Baselitz Befreiung vom Motiv bei gleichzeitiger Verneinung von Abstraktion führte zu Frakturbildern, die wie Bilder aussehen, die aus mehren Bildern bzw. Gemäldefragmenten zusammengesetzt sind. Ein Frakturbild hängt ganz unten, die anderen sind jedoch im zweiten Obergeschoss zu sehen.
Spannend ist, dass neben den acht antiheroischen Darstellungen des „neuen Typen“ mit offener Hose, zerfledderter Kleidung und zu kleinem Kopf Schwarzbilder zu sehen sind. Baselitz setzte bei diesen Bildern, wie etwa bei „Schwarzgründig“ von 1966, das Motiv mit hellen Linien auf schwarzen Grund. Das Spiel des Herausschälens eines Motivs aus dem Dunkel oder das Aufsetzen auf Schwarz ist ebenso wie das Zudecken dunkler Partien durch helle Farbflächen ein wiederkehrendes Prinzip.

Die eigentliche Entdeckung sind die Fingermalereien im ersten Stock, die an Pablo Picassos Figuren der blauen, aber auch der klassizistischen Periode erinnern. Sie sind bereits auf dem Kopf gemalt, wirken jedoch wie klassische Akte, die vor heller Leere und wenigen sich verselbstständigenden, Akzente setzenden Bildelementen stehen. Erst nach diesen Werken beginnt jene die Schönheit von Figuren und Bildern in Frage stellende typische Malerei Baselitz. Stillleben, Porträts, Menschen, Tiere und Atelierinterieurs werden möglichst grobschlächtig auf dem Kopf gemalt, jedes künstlerische Können verneinend. Eine vom Expressionismus der „Brücke“-Maler und von primitiver Kunst als auch durch die Extremformen des Manierismus inspirierte Malerei, die ihre Entsprechung in der Skulptur erhält.

Formprobleme werden in Malerei und Skulptur ausgetragen
Denn parallel dazu schafft Baselitz seit 1979 Skulpturen. Eine Auswahl ist in der Kunsthalle zu sehen, meist mit einzelnen Bildern kombiniert. Zunächst entstand eine Figur, deren Beine im Holzblock stecken und nur durch die farbliche Fassung angedeutet sind. Auch hier tritt das Moment des Herausschälens und Unfertigen auf, das die Bilder aufweisen, und lässt sowohl an Auguste Rodin als auch Michelangelo denken. Aufgrund der Materialwahl und der grobschlächtigen Behandlung – Baselitz bearbeitet das Holz mit der Kettensäge – wird der Bezug zur afrikanischen Skulptur und der Kunst der „Brücke“ noch einmal offensichtlich. Nach der ersten Skulptur „Modell für eine Skulptur“, die für den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1980 geschaffen wurde, entstehen kleinere Köpfe, einfarbig gefasste Körperteile sowie in jüngster Zeit riesige überlebensgroße Figuren. In der Kunsthalle entsprechen sich Skulptur und Malerei stets. Formprobleme, die den Künstler beschäftigen, sind in beiden Medien in jeweils einem Raum abzulesen. Etwa steht einem Selbstporträt mit Gitterstruktur ein Kopf gegenüber, der vollständig mit einem mittels Säge geritzten Raster überzogen ist. Blaue Punkte markieren auf dieser zerfurchten Kugel „G.-Kopf“von 1987 Augen, Nase und Mund. Oder in einem Raum sprengt ein Kopf den gemalten Rahmen, während die Gesichtsbemalung der Skulptur nicht mit der plastischen Anlage von Nase, Augen und Mund im Holz übereinstimmt. Das Gemälde heißt bezeichnenderweise „Selbstportrait daneben“, die Skulptur „Elke“. Diese wenigen aber klaren Setzungen der Kunsthalle machen die Ausstellung besonders lohnenswert. Ein Werk zeigt einen Akt mit Rahmung auf Goldgrund und Fußabdrücken: Ungewöhnlich für Baselitz.
Im Frieder Burda Museum sind die jüngsten Arbeiten erwähnenswert. Sie lassen wiederum an Picasso denken, den Zeichner. Mit virtuosem flüssigem Pinselstrich trägt Baselitz nun Gesichter auf. Oder er drippt Farben über den Bildgrund, lässt seine Typen fliegen, setzt sie entweder auf dem Kopf oder „richtig herum“ in die obere Bildhälfte. Es sind keine großen Würfe, sicherlich, sondern hier schmilzt mehr sein bisheriges Bildvokabular zusammen, aber doch neu und anders. – Eine Weiterentwicklung des Begonnenen. Was in der Gegenüberstellung der beiden Häuser erstaunt, ist, dass es die Kunsthalle schafft, klare konzeptuelle Setzungen zu bringen, während das Frieder Burda Museum mit vielen, großformatigen Werken und unbefriedigender Systematik klotzt. Das ist umso erstaunlicher, da die Ausstellung in die Hände des altgedienten externen Kurators Götz Adriani gegeben wurde.





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