Die Welt ist schlecht, na und?
22. 12. 2009Michael Reuter
Die Hardcore-Pandämonien Damien Deroubaix' in der Villa Merkel in Esslingen.
„Echt lecker gemalt“, findet Andreas Baur und streicht liebevoll einem in Grisailletechnik gemalten skelettierten Gorilla über den bleichen Schädel. Der sich stets für zeitgenössische Kunst engagierende Leiter der Villa Merkel bleibt unwidersprochen: Malen kann er, der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix. Seine riesenhaften collagierten Zeichnungen, Skulpturen und Holzschnitte, die derzeit in Esslingen zu sehen sind, präsentieren sich als Hardcore-Pandämonium aus Versatzstücken des kollektiven Albtraum-Bildarchivs. Konsumschelte, Gewaltorgien und Pornozitate sind künstlerische Druckmittel von gestern. Kommt Deroubaix’ Werk einfach zu spät oder steht es am Scheitelpunkt, am „Peak Fear“ einer wütenden, verunsicherten Malerei?Wer sich ständig den Kopf mit Death Metal und Grindcore-Musik zuballert, darf sich über nächtliche Albträume nicht wundern, und wer zu viele Pornos lädt, sieht bald in jeder Frau die Nutte. Damien Deroubaix produziert die ultimative Bilderübersättigung, ein aufwendig gestaltetes Horror-Porno-Punk-Szenario, das von allem zu viel bietet. Zu viele Skelette, Kriegsmaschinen, Waffen und Gekröse. Zu viel sadomasochistisches Monstergrinsen. Zu viele Titten, Schwänze und Schlagwortfetzen. Seine „Shit“, „Money“, „Dead Forever“, „Plague“, „Yeah“-Sprechblasen und Holztafeln, die er in den Bildern und an seinen Installationen verteilt, behaupten alles und belegen nichts. Sie nivellieren einen immer komplexer werdenden Weltenlauf umstandslos auf einige Worthülsen. Klar, die Welt ist schlecht – na und?
Die Katalogautoren geben sich uneinig: Während Andreas Baur die „Weltenstürze, Untergangsszenarien, Giftküchen, dunkle Prophezeiungen und allegorische Darstellungen“ Deroubaix’ als Kapitalismus- und Wertekritik deutet, sieht Ralf Melcher in den Horrorvisionen eine brillante Pathologie des Bildgedächtnisses der Kunst: „Man erkennt, dass der Horror und das Grauen, die tiefe Bedeutungsschwere, die Endzeitthemen tatsächlich nicht gemeint sind: Der Künstler hätte genauso gut idyllische Landschaften, Putti und Blumenwiesen als Exempel seiner Arbeiten wählen können.“ Und Konrad Bitterli erkennt „bei aller Virtuosität und allen subtilen Verweisen auf die Kunst- und Kulturgeschichte eine unmittelbare Aktualität und Dringlichkeit in seiner endzeitlichen Bildsprache: Utopia Burns – die innerweltliche Katastrophe wird bei Damien Deroubaix eindrückliche Kunst“.
Deroubaix’ Figuren erzählen keine Geschichten, sie beziehen keine Stellung und nehmen sich gegenseitig nicht zur Kenntnis. Sie leben nur durch unsere Erinnerungen an Bilder aus Horrorfilmen, Tagesschau-Katastrophen, Grimmschen Märchenbüchern und Museumsausflügen. So weit so gut. Perseus stellt den Drachen, doch wo bleibt der Kampf? Deroubaix dokumentiert in seinem Werk, am Scheitelpunkt der Angst stehend, alle Übel der Welt. Ist er auch bereit, die Albträume in einem fulminanten malerischen Finale zu bezwingen?
< zurück