Im Zwischenreich

22. 01. 2010
Annette Hoffmann

Nicht verpassen: Tatiana Trouvé „A Stay between Enclosure and Space“ im Zürcher Migros Museum.

Vorsicht: diese Ausstellung kann ihr Handy oder ihre Kreditkarten schädigen. Der warnende Hinweis auf die Kräfte, mit denen Tatiana Trouvé psychische Konstellationen ausrichtet, muss erst noch erfunden werden. Dabei werden sie ähnlich manifest, wie jene, die unzählige Pendel als dreidimensionale Zeichnung im Raum ausloten. Wenige Zentimeter vor dem Boden stoppen die verschieden geformten Metallpendel unvermutet, in der Bewegung festgehalten. „350 points à l’infini“ hat die französische, 1968 geborene Künstlerin diese Rauminstallation betitelt, die den Besucher ihrer Ausstellung „A Stay between Enclosure and Space“ im Zürcher Migros Museum empfängt. 350 kleine Magnete schaffen ein Kraftfeld, das die Pendel an den Drahtseilen straff, aber quer durch den Raum spannt als wären sie sicher im Boden verankert. Ein wenig erinnern diese „350 points à l’infini“ an jene Skulpturen von Tatiana Trouvé, die aussehen als hätte sich ein Schlangenbeschwörer handelsüblicher Kabel angenommen. Kaskadenartig fallen bei diesen Werken, die unter anderem im letzten Frühjahr in der Kunsthalle Mulhouse zu sehen waren, die Gummikabel gen Boden, um dann wieder aufzusteigen.

Was die Zürcher Ausstellung so besonders und so beeindruckend macht, ist ihr architektonisches Konzept. Tatiana Trouvé hat sich nicht darauf beschränkt, im Migros Museum ein Ensemble von Werken zu zeigen, sie hat vielmehr eine Ausstellung als „Aufenthalt zwischen Einfriedung und Raum“ konzipiert, eine Ausstellung, die nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit okkupiert. Ein wenig fühlt sich das an, als sei man in das Filmseting von „Being John Malkovich“ ohne John Malkovich geraten. Ähnlich aus der Welt gefallen betritt man Trouvés Räume, immer ein wenig in Alarmbereitschaft, schließlich weiß man nicht, was die nächste Ecke bringt. Kupferkabel laufen an der Wand durch den Raum, mal enden sie in Brandspuren, mal befindet sich eine Art Experimentierkasten mitten im Raum.

Zwischen Einfriedung und Raum
Bückt man sich ein wenig, schaut man auf eine Miniaturflucht eines Bürokorridors aus grünlichem Glas, in den halb geöffnete Türen ragen. Wenn irgendwann ein Bein sichtbar wird, wundert man sich schon nicht mehr. Ein Spiegel reflektiert das Bein eines Ausstellungsbesuchers, der schon längst aus dem eigenen Gesichtskreis getreten ist. Bückt man sich erneut, kann man einen von Tatiana Trouvés charakteristischen Räumen betreten. „Inchoativity: la chambre se referme“ hat sie diese Arbeit genannt. Sie zeigt eine Art verlassenen Kellerraum mit Heizungskörpern, in deren Nähe schwarze Eimer stehen. Um eine Säule ist mit einem Gurt eine aus Beton gegossene Matratze gebunden. Sie erinnert ein wenig an jene Polder, die 2003 im Kunstverein Freiburg als Module ihres „Büros der implizierten Aktivitäten“ zu sehen waren. In diesem Büro hatte Tatiana Trouvé all ihre vergeblichen Bemühungen, sich auf eine Stelle zu bewerben verwaltet, bis sich daraus eine implizierte Kunst-Aktivität entwickelte und sie dem Alltag einen Vorposten für ihr Werk abrang. Jahre geschah dies nur für sie selbst, denn der Erfolg wollte sich lange nicht einstellen. 2007 jedoch wurde ihr der Prix Marcel Duchamp zugesprochen und im letzten Jahr richtete sie eine Einzelschau im Centre Pompidou aus. Seitdem sind ihre Installationen aufwendiger geworden.

„A Stay between Enclosure and Space“ verschluckt den Betrachter und hält ihn zugleich auf Distanz. Denn nicht alle Räume lassen sich betreten. Manchmal ist eine Glasscheibe dazwischen, die auf einem Paar rätselhafte Schuhe steht, bei „I residenti“ ist der Spalt zwischen zwei Wänden so schmal, dass die einander gegenüber liegenden Plättchen, in denen sich das Licht reflektiert, nur verführerisch aufleuchten. Es ist eine der schönsten und rätselhaftesten Arbeiten dieser Ausstellung. Wie sehr Tatiana Trouvé ihre Kunst konzipiert, ohne auf die Parameter Innen und Außen zu achten, zeigt sich im letzten Raum. In „Envelopement“ verdichtet sich das Gefüge der Kupferlinien an Wand und Boden, die immer mal wieder in Brandspuren übergehen. Eingebunden sind gleichermaßen Findlinge als auch Wandzeichnungen von Räumen, die büroartige Organisationsstrukturen mit Versatzstücken von Natur verbinden. Da Tatiana Trouvé Stoff auf die Wand geklebt hat, wirken diese Zeichnungen besonders flächig. Es ist ein Zwischenbereich, den Tatiana Trouve markiert. Ihre Werke jedoch dauern an, wenn man die Ausstellung längst verlassen hat.


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