Im Spiegelkabinett der Welt
01. 02. 2010Yvonne Ziegler
Jos de Gruyter und Harald Thys realisieren in der Kunsthalle Basel ein Projekt von Technokraten.
Wer Werke des belgischen Künstlerduos Jos de Gruyter (*1965, Geel) und Harald Thys (*1966, Wilrijk) kennt, wird beim Besuch ihrer jüngsten Ausstellung in der Kunsthalle Basel erstaunt sein. Die üblichen artifiziellen Filme, die das Misslingen menschlicher Kommunikation und das Gefangensein in medial vermittelten Stereotypien und psychischen Mechanismen zeigen, sind nicht zu sehen. Und auch die typisch hermetisch abgeschlossenen Welten, in denen Dinge magisch belebt und Menschen wie von anderswo gelenkt handeln, sind in der Ausstellung mit dem Titel „Projekt 13“ nicht präsent. Stattdessen betritt man einen nach außen hin zwar abgegrenzten – die Fenster der Kunsthalle sind mit weißen Wänden unsichtbar verschlossen –, in sich jedoch luftig hellen Oberlichtsaal. Wohl schließt sich die Türe hinter einem und der Blick ist durch hohe weiße Stellwände verstellt, die sich zickzackförmig bis in den vierten Raum ziehen, doch dieses Ausbremsen verschafft dem Betrachter die Möglichkeit, die auf den Paneelen angebrachten Zeichnungen in Ruhe und ohne Ablenkung zu betrachten.Allerdings bemerkt man schnell, dass die Bleistiftzeichnungen recht unspektakulär sind, einander ähneln und dilettantisch wirken. Ihre Anzahl von 475 Stück überfordert, wenn man sich nicht treiben und von einzelnen Blättern ansprechen lässt. Werk für Werk abhaken, ist hier nicht sinnvoll. Zumal die Anordnung keinem inhaltlichen Konzept, sondern einer willkürlichen Regel folgt: Aufgrund der Raumsituation entschlossen sich die Künstler den Ausstellungsort wie eine Messehalle zu gestalten und für die „Ausstattung“ der Stellwände um die 500 Zeichnungen anzufertigen. Sie verstehen die Herstellung dieser Zeichnungen laut Pressetext als „Projekt einer nicht definierbaren Gruppe von Technokraten – eine höhere Instanz – die zurückblickt auf das Leben auf der Erde und alles aufzeichnet, was sie findet“. Natürlich gelingt es trotzdem, wiederkehrende Themen zu entdecken: Tiere, Autos, Schiffe, Pornografisches, Sport, Wetterkarten, Eröffnungen, Stillleben, Porträts, Treppenaufgänge, Terror, Surreales, Architektur. Interessant ist die Methode, mit der die Künstlerhandschrift negiert und eine Händescheide zwischen de Gruyter und Thys unmöglich gemacht wurde: Stundenlang zeichneten und pausten die Künstler ohne Nachzudenken Bilder ab. Automatenhaft, der Umwelt entzogen, produzierten sie, als gäbe es jene höheren, Genie einhauchenden Wesen tatsächlich, von denen Sigmar Polke einst schalkhaft bemerkte: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen“. Nicht nur was Menschsein, sondern auch was Künstlersein bedeutet, steht demnach auf dem Prüfstand. Zweimal thront denn auch über dem Zeichenprojekt das unbewegte Dreigestirn eines neutralen Gipskopfes, der unterschiedlich hoch aufgesockelt, „naseweis“ in verschiedene Richtungen schaut. Eine irritierende Wiederkehr von Dreiersymbolen: Dreifaltigkeit, drei Dimensionen, drei Lebensalter, drei Nornen.
Und schließlich vermag die im hellen Raum an die Wand geworfene quasi-philosophische Abhandlung „Über das Verhältnis der wirklichen Welt zu der parallelen Welt“ (2010) den Betrachter anhand von Schaubildern in ein ernsthaftes Nachsinnen über Innen und Außen, Eigenes und Fremdes, tatsächliche und vorgestellte bzw. irrsinnige Welt, organische und soziale Systeme sowie Außenseiter, Saboteure und Krankheitserreger zu verwickeln. Spröde, minimalistisch und witzig, wird die Parallelwelt als eine deutlich, die jenseits unserer Realität liegt, durch die Freiheit unserer Gedanken geschaffen. Sie ist jenes Außen, dessen wir bedürfen, um uns selbst definieren zu können. Ist sie mit unserer Welt deckungsgleich, so existiert keine Freiheit mehr. Die emotionale Betroffenheit, welche die früheren Werke der Künstler auslöste, ist reizvoller gedanklicher Reflexion gewichen.
< zurück