Referenzen sprechen lassen

09. 02. 2010
Annette Hoffmann

"Old Ideas" im MGK Basel ist auch eine Ausstellung über das Ausstellen. Ein Gespräch mit Dominic Eichler und Michel Ziegler.

Benannt nach einem Glühbirnentypus hat sich der von Dominic Eichler und Michel Ziegler geführte Projektraum Silberkuppe binnen kurzem zu einem umtriebigen Ort entwickelt, der weit über Berlin hinausweist. An der Größe kann es nicht liegen, die ehemalige Pförtnerloge, in der Silberkuppe Ausstellungen, Performances und Lesungen organisiert, ist gerade einmal fünfundzwanzig Quadratmeter groß. Und doch trifft sich hier die internationale Kunstszene Berlins. Im Basler Museum für Gegenwartskunst zeigt Silberkuppe derzeit die Ausstellung „Old Ideas“. Mit Dominc Eichler und Michel Ziegler, die auch als Kunstkritiker, Autor arbeiten und Musik machen, führte Annette Hoffmann dieses Mail-Interview.


Artline: Silberkuppe hat in der letzten Zeit Ausstellungen in Baden-Baden, London und Basel organisiert, in Bergen wird eine vierte stattfinden. Wie erklären Sie sich das Interesse der Kunstinstitutionen und was hat Silberkuppe, was diese nicht haben?
Silberkuppe: Zunächst müsste man diese Frage natürlich den einladenden Institutionen stellen. Für uns fing es mit der Konzeption der Ausstellung „7x14“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden im Mai letzten Jahres unter dem Titel „Silberkuppe in Kur“ an. Wir waren dort als Teil einer Ausstellungsserie eingeladen, die sich auf das historische Vorbild der Ausstellungsreihe „14x14“ aus den späten 60er, frühen 70er Jahren bezog. Die Silberkuppe wurde neben sechs Einzelpositionen eingeladen und hat ihrerseits achtzehn Künstler und fünf Gäste nach Baden-Baden gebracht. Für die Ausstellung entstanden vor Ort neue Arbeiten, wie z. B. ein Film von Shahryar Nashat. Die vierköpfige Band Motherland wohnte und probte im Museum, das private Sich-Einrichten im ehemaligen Direktorenbüro wurde von Gerry Bibby und Sean McNanney während fünf Tagen als Performance inszeniert und es fanden Talks und Perfomances statt, wie die szenische Lesung von Jennifer Higgie und Johnny Vivash oder der Vortrag von Christian Philipp Müller über die New Yorker Orchard Gallery.
Generell kann man aber sagen, dass wir differenziert auf die unterschiedlichen Einladungen der Institutionen reagiert haben. Es gibt also nicht ein Ausstellungskonzept Silberkuppe, das wir dann einfach verschicken. Andererseits haben wir einige Künstler auch mehrmals eingeladen und in verschiedene Konzepte integriert. Somit kommen wir immer wieder auf die gewachsene Struktur der Silberkuppe zurück und hier liegt vielleicht ein Unterschied zur Institution.
Die Ausstellung im Projektraum der Londoner Hayward Gallery im Herbst letzten Jahres sollte das Thema 20 Jahre Mauerfall aufgreifen. Wir haben uns teilweise an diese Vorgabe der Institution gehalten und unseren Blick auf eine Entwicklungslinie der Kunstszene Berlins seit den 90er Jahren gerichtet ohne dabei zu historisieren. Nicolas Siepen schuf z. B. eine Installation aus Materialien des Buchladens und Verlags b_books im metaphorischen Bild des Strandes, in dem Dinge an die Oberfläche gespült werden oder verschwinden, angelehnt an ein Graffiti von 1968 „Unter dem Pflasterstein, der Strand“.
Diese auf Berlin bezogenen Positionen haben wir zusammen gebracht mit Arbeiten wie einem 16mm-Film von Juliette Blightman, der per Zeitschaltuhr alle dreizehn Stunden projiziert wurde und Londons Big Ben zeigt, dessen Ziffernblatt während der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit für drei Stunden erstarrt und so einen abstrakten Zeithorizont einzieht, oder mit einer Sitzgruppe der französischen Designerin Janette Laverrière, die uns seitdem quasi als „soziales Zimmer“ ins Museum für Gegenwartskunst Basel und in die Kunsthall Bergen begleitet.

Artline: Verändert die Arbeit mit Institutionen das Konzept von Silberkuppe?
Silberkuppe: Nein.

Artline: Wie funktioniert ein Off-Raum auf fünfundzwanzig Quadratmetern?
Silberkuppe: Aus unserer jetzigen Erfahrung führt die räumliche Limitierung eher zu einer Verdichtung. Die Atmosphäre eines Raumes und das soziale Umfeld sind für uns entscheidend und wir fühlen uns in der ehemaligen Pförtnerloge eines der ersten Kunstbuchverlage Berlins gerade deshalb sehr wohl.

Artline: Sowohl das Programm von Silberkuppe als auch Ihre eigenen Interessen sind spartenübergreifend. Worin liegt der gemeinsame Nenner?
Silberkuppe: Es gibt in diesem Sinne keinen gemeinsamen Nenner. Man kann sagen, dass dieser allerdings im Laufe der Zeit entsteht, gerade dadurch, dass wir mit Künstlern immer wieder zusammenkommen und diese sich in unterschiedlichen Konstellationen wieder treffen.

Artline: Würde Silberkuppe auch in einer anderen Stadt funktionieren?
Silberkuppe: Das können wir schwer beurteilen, da wir es woanders nicht versucht haben. Sicher ist nur, dass es überall auf der Welt gut und schlecht funktionierende Projekträume gibt und gab. Wir sind da keine Ausnahme und möchten nicht in die „Berlin ist die Kunstmetropole Hymne“ mit einstimmen. Beide leben wir seit Anfang, bzw. Mitte der 90er Jahre in Berlin und da lag es nahe, die Silberkuppe in Berlin zu eröffnen.

Artline: Sie haben Silberkuppe im Frühjahr 2008 gegründet, als sich abzeichnete, dass der Kunst-Boom ein Ende finden wird. Haben Sie in der Zeit des Booms etwas im Umgang mit der Kunst vermisst?
Silberkuppe: Die Idee, einen gemeinsamen Raum zu eröffnen, war schon älter und lässt sich nicht als unmittelbare Reaktion auf den Boom oder die Krise definieren.

Artline: Wie finanzieren Sie das Programm? Wie definieren Sie für sich Erfolg?
Silberkuppe: Wir arbeiten beide nebenher und hatten jetzt das Glück durch die Einladungen Mittel zur Verfügung zu haben, mit denen wir neue Arbeiten für die Institutionsausstellungen finanzieren konnten. Erfolg definiert sich für uns dadurch eine Diskussion anzuregen, die wahrgenommen wird und an der wir uns selbst wiederum beteiligen können.

Artline: Für Außenstehende ist der Kunstfilz, der oft darüber entscheidet, ob und welche Ausstellungen stattfinden, meist nur schwer zu durchschauen. Sie arbeiten ganz offen mit freundschaftlichen Kontakten und Ihren Verbindungen. Wie sieht das konkret aus?
Silberkuppe:Die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin Nairy Baghramian und Janette Laverrière, die auf eine Ausstellung im Rahmen der Berlin Biennale 5 im Jahr 2008 zurückgeht, ist da ein gutes Beispiel. Für die künstlerische Haltung von Nairy Baghramian ist ein offener, vielleicht eher ein direkter Umgang mit anderen Positionen und dadurch entstehenden Zusammenhänge wichtig und sie hat seither mehrere Ausstellungsprojekte mit der Designerin initiiert. Tatsächlich sind wir dadurch zu der Zusammenarbeit mit Janette Laverrière gekommen.
Ähnlich war es bei einem Gespräch mit Dr. Joseph Carrier aus LA, der eingeladen von Danh Vo, Liebesbriefe aus seiner Zeit im Vietnam der 60er Jahre vorgelesen hat. Danh Vo, der das Archiv von Dr. Joseph Carrier zu seiner künstlerischen Arbeit gemacht hat, integriert somit die Referenz in seine Arbeit und auch er lässt diese für sich selbst sprechen. Man kann sagen, dass dieses Thema – ein anderer Umgang und Einfluss von Referenzen – auch ein Aspekt unseres Ausstellungskonzepts im Museum für Gegenwartskunst Basel ist.

Artline: Was war Ihr Konzept für die Basler Ausstellung?
Silberkuppe: Schon mit dem Titel „Old Ideas“ deuten wir an, nicht den Anspruch zu erheben, alles neu zu erfinden, wie man es fälschlicherweise von einem Projektraum oftmals erwartet, der das Neue, Unbekannte, Junge und vielleicht nicht nur die Gegenwart, sondern am Besten die Zukunft vertreten soll.
Im Kontrast zu der Ausstellung in Baden-Baden, zu der wir, wie vorher erwähnt über zwanzig Beteiligte eingeladen haben, haben wir diesmal nur sechs Positionen nach Basel gebracht. In den fast ausschließlich neu entstandenen Arbeiten werden das Verhältnis von Skulptur und Performance, der Kontrast von Struktur und Unsichtbarkeit oder die Beziehung von Text, Materialität und Kontext, behandelt. So ist etwa ein Dialog entstanden zwischen dem Künstler Gerry Bibby mit seiner tautologisch an „Conrete Poems“ erinnernden, vom Umstürzen bedrohten Skulptur, mit der in situ entstandenen Raum-im-Raum-Installation „HIDE: plywood, plasterboard, cardboard, hardboard, polystrene, plaster, cement, scrim“ der britischen Künstlerin Phyllida Barlow, die auch seit den 70er Jahren eine einflussreiche Dozentin ist. Das war ein interessantes Ergebnis unserer Fragestellung.

Der Umgang mit der Sammlung eines Museums und somit dem Gedächtnis einer Institution ist Teil des Films „Today“ von Shahryar Nashat, den er im Depot des Museums für Gegenwartskunst für unsere Ausstellung produziert hat. Er stellt diese Frage, indem er den Weg einer seit dem Ankauf der Sammlung in den 60er Jahren nie gezeigten Skulptur „Der Velofahrer“ des Anfang des letzten Jahrhunderts sehr angesehenen Schweizer Bildhauers Karl Geiser vom Depot in den Ausstellungsraum des Museums zu seinem Sujet macht.


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