Readymades der S-Klasse
18. 02. 2010Sören Schmeling
Alexander Laner präsentiert im Kunstverein Freiburg Maschinen für Kunstsachverständige.
Für eine Ausstellung kippt Alexander Laner (*1974) schon mal zwei Mercedes 230 Coupés hochkant auf die Seite, um sie durch die schmalen Türen des Freiburger Kunstvereins zu bugsieren. Auf Euro-Paletten mit weit geöffneten Türflügeln lässt er sie in der Mitte des Raumes landen, so dass sie sich fast spiegelbildlich nur in einem Punkt an ihren vorderen Stoßstangen berühren. Die Motorhauben und Kofferraumdeckel sind aufgesprungen, Warndreiecke und Feuerlöscher liegen umher. Ein Unfall? Eine dilettantische Doppelreparatur, die das ehemalige Schwimmbad zur Bastlergarage werden lässt? Oder doch ein symmetrisch angeordnetes, skulpturales Ensemble aus symbolisch aufgeladenen, historischen Readymades der Oberklasse. „Ohne Titel (Rorschach)“ hat er sein eigens für seine Einzelausstellung konzipiertes Werk genannt. Idiotentest, nennt der Volksmund auch die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), die Verkehrsündern droht, wenn sie gravierende verkehrsrechtliche Verstöße – namentlich unter Alkoholeinfluss – begangen haben, wobei auch der Rorschach-Test eingesetzt wird. Ein fragwürdiges Instrument, bei dem der Proband mit spiegelsymmetrischen Figuren konfrontiert wird, die ursprünglich durch einfache Faltung tintenbekleckster Papiere entstanden sind. Jede der geäußerten Assoziationen zu den Figuren wird mit einem geheimen Deutungsregister abgeglichen, das Rückschlüsse auf die psychische Tauglichkeit des Menschen geben soll. Vielleicht also doch kein Unfall, sondern zwei aufeinanderzufliegende Flügelwesen, das eine gold-, das andere blaumetallic.Wer sich zudem am nahen „Weißweinkühler“ von 2005 bedient – ein gläserner Weinballon, um den sich ein ausgebautes Kühlschrankaggregat windet, und dessen mobile Aufhängung stark an einen Infusionsständer erinnert – läuft Gefahr, dass sich seine Assoziationen zu weinbefeuerten Höhenflügen aufschwingen.
Dem Münchner Bildhauer scheint es eine fast schalkhafte Freude zu bereiten, sein Publikum herauszufordern. „Lieben Sie U- oder E-Musik?“, könnte eine Frage lauten, die Laner gleich mit drei sicht- wie hörbaren Werken stellt. Der „Plattenspieler“ von 2005 etwa, der den Auftakt am Eingang zur Ausstellung bildet. Die Arbeit besteht aus einem Sechszylindermotor einer Mercedes S-Klasse der 60er Jahre, der einen Plattenspieler betreibt und in lautstarke Konkurrenz zu Chopins Klaviersonate Nr. 2 oder wahlweise Beethovens „Eroika“ tritt. Geht man hinauf zum ersten Stock, passiert man einen blechernen Spint, in dem ein rumpelnder Radau sich schnell als der Rhythmus eines Queen-Songs herausstellt, den Laner auch im Werktitel „Rock you“ von 2007 aufgreift.
Auf der Empore thront fast direkt über dem „Plattenspieler“ im Erdgeschoss ein aus Spanholz und einem selbstgeschweißten Stahlrahmen gefertigter Flügel mit dem Titel „Für Luise“ von 2007. Nicht Holzhämmerchen, sondern Baumarktschrauben sind die Tongeber des Instruments, das sich eher nach einem Spinnett denn einem wohltemperierten Steinway anhört. Darauf klimpern ist erlaubt und als provisorisches Metronom könnte die gute deutsche Miele-Waschmaschine dienen, die in einer Ecke des Emporenrundgangs murmelt. Auf einem geflickten Autoschlauch wiegt sie sich – wenn auch nicht ganz rein – im Walzertakt. „An der schönen Blauen Donau“ hat Laner sie 2007 getauft, obwohl sie gänzlich ohne Wasser auf dem schwarzen Luftkissen schwankt. Wer sich selbst durchschleudern lassen will, dem bietet Laner eine auf einem Stahlgestell aufgebockte Vespa. Die „Rodeomaschine“ von 1999 gehört zu seinem Frühwerk und wer sich wie ein junger Cowboy aus einem Italowestern oder ein römischer Motorino-Fahrer fühlen will, der darf aufsteigen. Öl und Benzin glucksen im Tank des Zweitakters; man braucht nur noch antreten, den Gang einlegen und sich aus dem weichen Rollersitz katapultieren zu lassen. Und da selbst unerfahrene Rodeoreiter den kleinen italienischen Bocksprüngen standhalten, geht der Wettstreit zwischen Mensch und Maschine, wie bei den meisten Werken Laners, ironisch unentschieden aus.
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