Angestaubte Überraschung

19. 02. 2010
Ursula Badrutt

Das Bündner Kunstmuseum Chur greift tief ins Depot und holt eine vergessene Künstlergeneration ans Licht.

Der ältere Herr ist erregt, teils freudig, aber auch brüskiert. Er sei Zeichnungslehrer gewesen, kenne sich aus mit der Materie, aber all diese Namen, die ihm beim Gang durch die Ausstellung präsentiert werden, habe er mit wenigen Ausnahmen noch nie gehört. Das sei unerhört. Dabei – und seine Augen strahlen – seien es durchwegs gute, ja sehr gut Arbeiten.

Es geht um die vergessene Generation. Das Bündner Kunstmuseum in Chur widmet ihr unter eben diesem Titel eine Ausstellung, wie sie wohl seit Jahrzehnten im Haus nicht mehr stattgefunden hat. Seit den ersten Schritten in Richtung Professionalisierung, seit mit Beat Stutzer ein Kunsthistoriker ins Museum geholt wurde vor rund dreissig Jahren, wurde Wert gelegt auf Weltgewandtheit und Wissenschaftlichkeit, Ansehen und Aufmerksamkeit.
Da hatte es schlecht Platz für verstaubte Namen wie Paul Martig, Walter Sautter, Ponziano Togni, Giacomo Zanolari oder eben Anny Vonzun. Sie alle lagerten – abgesehen von wenigen wie Maria Bass – lange Jahre im Dunkel des Depots. Es geht um jene Künstlerinnen und Künstler, die ungeachtet zahlreicher Innovationen der Avantgarde an der gegenständlichen Darstellung festhielten und die Vorstellung des breiten Publikums von „guter Kunst“ geprägt haben.

Je mehr aber die verschiedenen Richtungen der Avantgarde selber zu historischen Bewegungen wurden, desto tiefer gerieten diese zumindest äusserlich Konservativen ins Abseits. Einer Begegnung oder Wiederbegegnung mit der „vergessenen Generation“ aus der Distanz der Jetztzeit und mit dem Wissen, dass weit mehr als die Unterscheidung von Gegenständlichkeit und Abstraktion über die Aktualität und Zeitgenossenschaft eines Werks Auskunft geben kann, darf mit einiger Spannung entgegengesehen werden.

Anny Vonzun (1910-1990), die Protagonistin der Ausstellung, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, verblüfft mit der würdevollen Tristesse, die viele ihrer Bilder anfüllt. „Im Hafen von Rouen“ von 1972 zeigt eine Alltagsszene, wie sie viele von ihren zahlreichen Reisen mitgebracht hat. Kräne rhythmisieren den Bildausschnitt, würdigen die Werkenden. Allerdings überragt der hoch aufragende Kirchturm der Kathedrale von Rouen alles und macht den Vordergrund zum Reigen sich neigender Weltlichkeiten.
Tendenzen von Düsternis durchziehen die Bilder; ob Nôtre Dame in Paris in Regengrau von 1949 oder die nach dem Tod ihres Mannes Leonhard Meisser entstandenen Meeransichten, stets zieht ein melancholischer Wind durch. Die Sehnsucht nach der grossen Welt, nach Paris, dem Meer, nach dem Ausbruch aus der bürgerlichen Enge muss Anny Vonzun vertraut gewesen sein. Von stummer Lieblichkeit hingegen sind die Porträts, die sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahre als Auftragswerke ausführte. Eine dialogisch dazu gestellte Arbeit von Walter Sautter bringt einen Moment untergründiger Angst. Vonzuns Stillleben wirken verhalten, während die Pfirsiche von Maurice Barraud von 1939/40, Trauben und Äpfel von Ponziano Togni von 1945 oder Knoblauch und Auberginen von Gerold Veraguth eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und einen Hang zur Neuen Sachlichkeit vermuten lassen.

Vielleicht hat Anny Vonzun modernistische Tendenzen in ihrem Werk schlicht unterdrückt. Schliesslich galt es, auch ihrem Mann Platz zu lassen. Leonhard Meisser und Anny Vonzun waren ein Künstlerpaar. Eine spannende Ergänzung in die Gegenwart offenbart die Ausstellung „Paarkunst“ in der Galerie Fasciati mit partnerschaftlich und unter gemeinsamem Namen arbeitenden Künstlerpaaren. Unter ihnen Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Arno Hassler & Daniela Keiser, Christine & Irene Hohenbüchel, Huber.Huber, Petra Elena Köhle & Nicolas Vermot Petit-Outhenin, Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Wiedemann / Mettler, sowie als Gast Isabelle Krieg. Noch nie der Öffentlichkeit präsentiert wurden die Fotografien, die Anny Vonzun von ihren Reisen mitbrachte und die bis Anfang April in der Churer Stadtgalerie zu sehen sind.

„Die vergessene Generation“ ist mehr als eine Entstaubungsaktion. Sie zieht einen Wunsch nach sich: „Wir hoffen auf eine baldige bauliche Erweiterung des Hauses, damit die eklatante Raumnot ein Ende findet“, bekennt Beat Stutzer, Direktor des Bündner Kunstmuseums. Ein bisschen pfiffiger würde man sich die Sammlungsausstellungen künftig allerdings wünschen.



< zurück