Lost in Sound
23. 02. 2010Dietrich Roeschmann
In der Kunsthalle Palazzo Liestal proben Karen Geyer und Renée Levi den Dialog von Klangkunst, Kinetik und Malerei.
Jedes Ding birgt eine Welt von Geräuschen in sich: Das Seil, das an den Fahnenmast schlägt, wenn der Wind über den Zürichsee weht. Die Uhr im Billetautomat, die leise klickend die Sekunden zählt, bis der Stempel umspringt. Das Metallrohr, das zu knacken beginnt, sobald warmes Wasser durch den Heizkörper strömt. Der Alltag ist durchsetzt von solchen Klängen, die so unscheinbar sind, dass wir sie allenfalls in einem nervösen Anfall von Hyperempfindlichkeit wahrnehmen, deren plötzliches Verstummen aber unser Grundvertrauen in die Wirklichkeit dessen, was uns umgibt, erschüttern würde. Ein Gegenstand, in dem kein Geräusch wohnt, ist so wenig von dieser Welt, wie ein Ding ohne Schatten.< br>Für Karen Geyer sind es diese ephemeren Qualitäten der Objekte – der Klang und der Schatten –, die das Material ihrer Kunst bilden. Für ihre raumgreifenden Soundinstallationen, die derzeit im Palazzo Liestal zusammen mit Bildern der Basler Malerin Renée Levi zu sehen sind, hat die 33-Jährige ein ganzes Arsenal an Haushaltgeräten, Fahrradfelgen, Plattenspielern und Tonbandgeräten aufgefahren, das sie miteinander verschaltet und in Bewegung versetzt, um das stille Rotieren der Mechanik durch gezielte Eingriffe in ihren Ablauf zum Klingen zu bringen: Mal tickt eine Nadel zwischen den Speichen, mal rumpeln Metallkugeln auf einem Plattenteller im Kraftfeld eines dicht darüber hängenden Magneten, während nebenan das aufgeschnittene Blech einer Bierbüchse leise im Luftzug eines Taschenventilators wispert. Was die Richtmikrophone diesem Orchester manipulierter Alltagsgegenstände ablauschen, klingt wie ein hoch verdichteter Soundtrack unscheinbarer Präsenz – repetitiv wie Minimal Techno, jedoch analog erzeugt und im Detail chaotisch strukturiert wie die Geräuschkulisse eines Urwaldes. „Grauton“ nennt Geyer diese experimentelle Musik. Was sie daran interessiert, ist nicht die Wiederholung, sondern – im Gegenteil – die langsame, aber permanente Verschiebung von Klangformen, die durch den kalkulierten Zufall in immer neue, unwiederholbare Zustände wechseln. Der enorme Sog, den das flirrende Objektrauschen dieser Soundinstallationen erzeugt, verdankt sich dabei nicht zuletzt ihrer Inszenierung als mechanisches Theater, das sie – von zahllosen Punktstrahlern angeleuchtet – als kleinteiliges Schattenspiel an die Wände projiziert.
Man könnte es als ein schönes Modell der Umwegrentabiltät bezeichnen, wie Karen Geyer in ihren Arbeiten Klang und Bewegung durch Licht in Bilder übersetzt, die in Liestal als flüchtige Stummfilme in Dialog mit den großformatigen Leinwänden treten, mit denen Renée Levi ihrerseits auf Geyers Klang- und Bildkosmos reagiert hat. Die reduzierten Tableaus der Malerin orientieren sich im Format am Volumen des kleinsten Ausstellungsraums. Ein Keilrahmen, diagonal zwischen Boden und Decke gekantet, nimmt hier Maß für die Leinwände, die in den anderen Räumen als installative Elemente in den Blick ragen, Perspektiven verstellen oder zu Projektionsflächen für die Bewegung der Schattenspiele werden, die Levi sowohl im Schwarz-weiß ihrer Kompositionen aufgreift als auch als auch in ihrem Gestus aufgreift.
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