Spot on Karlsruhe

01. 03. 2010
Annette Hoffmann

Wo ist was los in der badi-
schen Kunsthauptstadt? Ein Rundgang zur Eröffnung der „art Karlsruhe“ und der „und #5“


Als sich Karlsruhe Mitte der 90er Jahre für den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 bewarb, ergänzten Witzbolde den Slogan in „Viel vor – nichts dahinter“. Ein gelungener Kalauer, sicher – aber auch ungerecht. Denn das lange als Beamtenstadt verschriene Karlsruhe hat sich gemausert. Noch immer ist das ZKM mitsamt Museum für Neue Kunst Flaggschiff für neue Entwicklungen. Mehr Tradition haben sowohl die Staatliche Kunsthalle mit ihrer sehr beachtlichen Sammlung als auch der Badische Kunstverein, der ungeachtet seines Gründungsjahres 1818 Kunst zeigt, die im Kommen ist. Darüber hinaus sind es nicht zuletzt kleine, wendige Initiativen wie die Mayerei und John Doe Projects, die das Potential dieser Stadt zeigen, in der viele junge Menschen leben, die sich für Kunst interessieren. Und nicht alle Absolventen der Akademie und der Hochschule für Gestaltung drängt es nach Berlin. Kein Wunder also, dass sich hier mit der „art Karlsruhe“ und der „und. Plattform für Kunstinitiativen“ gleich zwei Kunstmessen gegründet haben, die sich seit Jahren sinnvoll ergänzen. Vor dem Start ihrer jüngsten Ausgaben am 3. und 4. März haben wir uns umgesehen, was die Stadt derzeit ansonsten an Kunst zu bieten hat.


Badischer Kunstverein: Susanne M. Winterling: Through the looking glass
Ein wenig diskurssicher sollte man schon sein, um die Ausstellungen des Badischen Kunstvereins goutieren zu können. Kunst macht Arbeit und die Avantgarde der Zukunft will schließlich entdeckt sein. Susanne M. Winterling, der der Badische Kunstverein aktuell eine Einzelausstellung widmet, verbindet in „Through the Looking Glas“ die Suche nach den Heroinnen der Moderne mit der Geschichte des Badischen Kunstvereins. Trotz vieler Umbauten sieht man dem Gebäude noch seinen bildungsbürgerlichen Ursprung an. Man kann sich sicher sein, dass Susanne M. Winterling die Architektur genau studiert hat. Bereits bei ihrer Ausstellung in der Bremer Gesellschaft für aktuelle Kunst knüpfte sie Fäden zwischen dem konkreten Gebäude und Biografien außergewöhnlicher Frauen. In einem Interview beantwortete sie die Frage, warum sie sich häufig mit Außenseitern befasse: „die Künstlerpersönlichkeit in der Geschichte (hat) viel mit dem Außenseitertum zu tun – was man positiv beurteilen kann, denn ein Außenseiter hat einen guten Blick, der sieht ganz anders als von innen“.
— Waldstr. 3, bis 5. April 2010.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe: Von Rodin bis Giacometti
Skulptur braucht Raum – und sie reagiert auf ihn. Die groß angelegte Skulpturenausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe will keine Stilgeschichte der Moderne schreiben, sie sucht die unmittelbare Gegenüberstellung des Betrachters mit Einzelwerken von Rodin bis Giacometti. Gut 100 Werke hat Ausstellungskurator Siegmar Holsten ausgewählt, 15 aus dem eigenen Sammlungsbestand. Das Besondere dieser hochkarätigen Schau ist, dass sie nicht den Blick starr auf Paris richtet, sondern neben Plastiken von Matisse, Picasso auch durch Arbeiten von Barlach, Kirchner und Calder den Blick weitet. – Überhaupt lohnt sich ein Besuch der Kunsthalle, kann sie doch mit einer umfänglichen Sammlung aufwarten. Darunter befinden sich das Kupferstichkabinett mit 90.000 Blättern, Werke von Jean-Siméon Chardin, Lucas Cranach und Hans Baldung Grien, aber auch von Rembrandt und Caspar David Friedrich.
— Hans-Thoma-Str. 2-6, bis 7. März 2010.

Ferenbalm-Gurbrü Station: Christian Duss / Christian Herter
Es spricht für die berüchtigten Synergien, wenn junge Galerien zusammenarbeiten. Mit Christian Duss und Christian Herter zeigt die Ferenbalm-Gurbrü Station gleich zwei Künstler der Luzerner Produzentengalerie Alpineum. Während diese auf der „und #5“ ihren Stand aufgeschlagen hat, sind die Brüder Lukas und Sebastian Baden 2008 zur art Karlsruhe gewechselt. Im Passagenhof präsentieren die beiden nun eine sehr stimmige Schau mit den beiden Schweizer Künstlern. Christian Herter arbeitet mit Vorgefundenem, aus dem er fragile Skulpturen baut und diese häufig mit unterschiedlich großen Quadern in Maßstab setzt. Duss betreibt hingegen so etwas wie eine Objektrecherche quer durch die Kunstgeschichte, indem er einfache Gegenstände aus Werken von Jan van Eyk, Hieronymus Bosch oder Jan Vermeer herausgreift und sie dreidimensional nachbildet. Wo hat man bloß diese Schuhe oder die rot-weiße Trommel schon einmal gesehen?
— Passagenhof 13, Karlsruhe, bis 27. März 2010.

ZKM | Museum für Neue Kunst: Just what is it...
„Just what is it that makes today’s home so different, so appealing?“, fragte Richard Hamilton in seiner gleichnamigen Collage von 1956 und gab gleich die Antwort: ein Bodybuilder, ein Pin-up-Girl auf dem Sofa, eine Obstschale, Fernseher, Tonbandgerät, eine glückliche Hausfrau mit Staubsauger usw. Ganz so inkongruent darf man sich das Bild nicht vorstellen, das die baden-württembergischen Sammler abgeben. Mit der Schau „Just what is it…“ erinnert das Museum für Neue Kunst anlässlich seines zehnjähriges Bestehen an seine Funktion als Sammlermuseum. Es spricht für die Qualität und die Bandbreite von Sammlungen wie Burda, Froehlich, Marli Hoppe-Ritter oder Horst und Gabriele Siedle, dass dabei auch ein Parcours durch die letzten 100 Jahre Kunst entstanden ist.
— Lorenzstr. 19. bis 11. April 2010.

Galerie Iris Kadel: Katja Davar: Reptile Turf & Copper Alloys
Katja Davar gehört zu jenen Künstlern mit einem feinen Radar für die Zeitgeschichte. Für eine frühere Ausstellung bei der Galeristin Iris Kadel griff die Britin 2007 die „Tulpomanie“ auf, die im 17. Jahrhundert den Niederlanden den ersten europäischen Wirtschaftscrash bescherte. Damals dürfte dieses Phänomen allenfalls unter Ökonomen und Kulturhistorikern rezipiert worden sein. Heute sieht das anders aus, und der niederländische Tulpenwahn ist so etwas wie ein Symbol dafür, dass Geschichte für vieles taugt, nur nicht, um aus ihr zu lernen. In ihrer aktuellen Ausstellung bezieht sich die 1968 geborene Künstlerin nicht nur auf eine Architektur für Schildkröten aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch auf den Architekturwettbewerb, den der russische Energiekonzern Gazprom ausgeschrieben hatte, um seiner Hegemonie Ausdruck zu geben. Das britische Architekturbüro RMJM hatte ihn gewonnen, aber auch Rem Koolhaas hatte sich beteiligt. Diese Entwürfe sind in Katja Davars Zeichnungen eingegangen.
— Hirschstr. 45, bis 27. März 2010.

Galerie Meyer Riegger: David Thorpe: Perfume against the sulphurous stinke of the snuffe of the light for smoak
Karlsruhe gehört zu jenen deutschen Großstädten von überschaubarer Größe, die sich gut zu Fuß erkunden lassen. Nur fünf Minuten vom ZKM entfernt, liegen die Galerieräume von Meyer und Riegger. Und auch die Akademie ist von hier aus nicht weit. Die beiden Galeristen vertreten nicht nur mit Franz Ackermann, Meuser, Daniel Roth und Corinne Wasmuth einige Professoren der Akademie, sie selbst kommen von ihr und haben quasi die Seite gewechselt. Mit Gewinn für beide. Denn Jochen Meyer und Thomas Riegger haben nicht nur ein Auge für die Absolventen, von denen sie einige in ihr Programm aufgenommen haben, sondern sich schnell am internationalen Markt orientiert. Etwa mit Künstlern wie David Thorpe, der mit ornamentalen utopischen Entwürfen bekannt geworden ist, die er selbst als „Schutzräume“ und „bewohnbare Universen“ ansieht.
— Klauprechtstr. 22, Karlsruhe, bis 13. März 2010.

John Doe Projects: Xuan Wang: Fremde Erinnerungen
In unmittelbarer Nähe zur Produzentengalerie V8 und der Poly Produzentengalerie gründeten im April 2009 Bastian Afken und Florian Weingrüll „John Doe Projects“. Mittlerweile allein von Weingrüll geführt, entwickelt sich die junge Galerie zu einem Raum für Entdeckungen und Experimente. Der Kontakt zur Karlsruher Akademie ist eng. Auch Xuan Wang gehört zum Umfeld der Akademie, seit 2005 studiert Wang bei Erwin Gross. Zu sehen sind ungewöhnliche, sehr zarte surreale Szenerien auf Papier. — Victoriastr. 3-5, bis 6. März 2010.






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