Bilder ohne Eigenschaften

02. 03. 2010
Annette Hoffmann

Die stillen Landschaften Elger Essers in der Foto-Ausstellung „Eigenzeit“ im Kunstmuseum Stuttgart.

Vorwitzig geht das Kind auf die Wellen zu. Der Sand kitzelt an den Füßen, das Meer lockt. Einen Moment später wird die Brandung es einholen. Wird es sich in die Fluten werfen, weinend zu den Eltern an den sicheren Strand zurücklaufen? Ein Tag am Meer. Schnappschüsse wie dieser sind, seit die See für jedermann erreichbar ist, Teil der Kindheitserinnerung ganzer Generationen. Das Gefühl von Zeitlosigkeit und der wärmenden Sonne auf der Haut inbegriffen. Nur, Elger Essers Bild „13 Le Pouliguen“ zählt fast einen Meter Breite. Die historische Aufnahme aus der Bretagne gehört zu jenen Heliogravüren, die derzeit in Essers Ausstellung „Eigenzeit“ im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen sind. Eine Heliogravüre ist mithin nicht die unaufwendigste Form von Reproduktion, die man wählen kann. Irgendwo zwischen Aquatinta und Hochdruckverfahren angesiedelt, wird sie heute kaum mehr eingesetzt und wenn, dann kaum, um alte Postkarten nachzudrucken und diese später mit der Hand zu kolorieren.

Die Stuttgarter Schau kreist ganz um das Moment der Erinnerung, für das Marcel Proust und seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ als Pate stehen. Vielleicht hätte es diese besondere Patronage gar nicht gebraucht, sie fasst jedoch wie eine Metapher die besondere Atmosphäre dieser Arbeiten. Denn Essers Aufnahmen sind von einer stillen Melancholie. Was hier zu sehen ist, scheint schon verloren. Anders als etwa Susan Hiller, die für ihre Arbeit „Rough Sea“ Postkarten mit dem Motiv der englischen stürmischen See sammelt und es auf seine linguistischen und visuellen Aspekte untersucht, geht es Esser mehr um Aneignung. Rund 25.000 Postkarten soll die Sammlung des Becher-Schülers groß sein. Die Bretagne und die Normandie, die der 1967 in Stuttgart geborene Künstler mit der Plattenkamera bereist, sind für das nationale Gedächtnis Frankreichs besondere Landschaften. Denn mit dem Ausbau der Zugstrecke von Paris wurde Ärmelkanal und Atlantik gleichermaßen von Touristen als auch Künstlern erschlossen. Der Landstrich ist so emotional wie kulturhistorisch aufgeladen. Und die historischen Aufnahmen, die Esser bearbeitet, spiegeln zugleich ein Stück Fotografiegeschichte wieder, sie gaben den Orten ihre Landschaft und Identität, nicht anders als die Strandszene von Monet und Courbet oder die Romane Prousts. Sich mit ihnen zu befassen, heißt auch nach dem Wesen des Pittoresken und nach den Bedingungen von Landschaftswahrnehmung zu fragen.

Elger Essers Fotografien sind durch Verdoppelungen und Vagheiten charakterisiert. In „Loire et Cher, Frankreich“ von 2000 spiegeln sich im Wasser die Wolken und die Bäume wieder, die am Ufer und auf einer kleinen Insel im Fluss wachsen. In „Paris Plage, Frankreich“ von 2003 oder „Porte du Pave, Frankreich“ von 2000 gehen Sand, beziehungsweise Wasser fast übergangslos in den Horizont über. Ab und an ragen Leuchttürme oder kleine Inseln aus der stillen See. Und auch die Stadtansichten, etwa von Blois aus dem Jahr 1998 sind häufig durch einen Gelbstrich geprägt als läge eine besondere Patina auf ihnen. Die der Zeit kann es nicht sein. Esser vermeidet alles Konkrete auf seinen Fotografien, Menschen, Konturen oder Aktuelles. Wenn Elger Esser sich über die Zeitkunst Fotografie mit allgemein gültigen malerischen Genres wie die Landschaft und die Vedute auseinandersetzt, entstehen mehr ideale Darstellungen als Porträts von Orten. Ihre besondere Sentimentalität besteht darin, dass sie so zu Erinnerungsbildern für viele werden.


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