Wer bin ich?
08. 03. 2010Florian Weiland
Die Künstlerin Candice Breitz wirft im Kunsthaus Bregenz die Frage auf, was die Identität eines Menschen ausmacht.
Jeder von uns trägt viele verschiedene Persönlichkeiten in sich. Im Kunsthaus Bregenz gelingt es Candice Breitz einen Raum zu schaffen, in dem alle diese Persönlichkeiten gleichzeitig präsent sind. Die beiden aus jeweils sieben Monitoren bestehenden Videoinstallationen „Him“ und „Her“ nehmen Hollywood-Klischees aufs Korn, indem sie kurze Ausschnitte aus verschiedenen Filmen von Jack Nicholson („Him“, 23 zwischen 1968 und 2008 gespielte Rollen) und Meryl Streep („Her“, 28 Rollen, 1978 bis 2008) zu einer Collage verknüpfen. Die beiden Schauspieler treten dabei in einen schizophrenen Dialog mit sich selbst. Sie sprechen und streiten über ihre Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte. Doch über ihre Persönlichkeit erfahren wir nichts, denn Nicholson und Streep sind immer nur in ihren Filmrollen zu sehen. Sag uns, wer du bist, will Jack Nicholson in einem dieser kurzen Filmfragmente wissen. Eine Aufforderung, die das Thema der gesamten Ausstellung auf den Punkt bringt.
Wer bin ich – und wenn ja: wie viele? Richard David Prechts Bestseller gäbe auch einen wunderbar treffenden Titel für die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ab. Die Antwort müsste in diesem Fall lauten: mindestens zwei. Denn sobald man das Kunsthaus betritt, sieht man doppelt. Kein Wunder – Breitz hat Zwillinge interviewt. Die in Toronto gefilmte Serie „Factum“ besteht aus fünf Videoportraits von Zwillingspaaren (sowie einmal von Drillingen), die im Schnitt jeweils eine Stunde dauern. Bereits hier ahnt man, dass sich die Ausstellung im Kunsthaus nicht schnell beim Durchgehen erschließt. Der Betrachter muss sich Zeit nehmen. Zeit, um zuzuhören.
Breitz befragte jeden Zwilling einzeln und stellte jedem dieselben Fragen. Im Anschluss wurden die bis zu sieben Stunden langen Gespräche zusammengeschnitten, so dass der Eindruck einer imaginären Unterhaltung entsteht. Während es den Mitwirkenden im Interview anfänglich erlaubt war, ihre Geschichte unbelastet von der Gegenwart des anderen zu erzählen, kompliziert Breitz die Beziehungen in dem vollendeten Werk, indem sie den anderen Zwilling als fiktiven Gesprächspartner einführt, der aus einer etwas anderen Perspektive berichtet. Hinzu kommt die Künstlerin selbst, die als dritter „Verfasser“ dieser biographischen Erzählungen implizit präsent ist. Und unversehens ist man bei den Themen angekommen, die Breitz wichtig sind. Was macht die Persönlichkeit eines Menschen aus? Wie definiert sich Identität – und wie nehmen wir sie wahr? Ist unser Lebensweg, was immer wieder anhand der Biographien von Zwillingen untersucht wurde, genetisch vorprogrammiert?
„The Scripted Life“ (sinngemäß übersetzt „Das Leben als Drehbuch“) ist die Ausstellung in Bregenz überschrieben, die ihren Höhepunkt in der exklusiv für das Kunsthaus entstandenen Arbeit „New York, New York“ findet. Erneut spielen Zwillinge die Hauptrolle. Breitz lud vier eineiige Zwillingspaare dazu ein, im Rahmen eines ausführlichen, biografischen Interviews eine Figur für ein Theaterstück zu entwickeln, die beide bereit wären, darzustellen. Wie sie die Bühnenrolle anlegten, blieb ihnen überlassen. Auszüge aus den Sitzungen, in denen die Paare ihre jeweilige Figur erarbeiten, werden auf vier Plasmabildschirmen präsentiert. Auf zwei nebeneinander platzierten Videowänden sind danach die beiden vor Live-Publikum aufgezeichnete Theateraufführungen zu sehen. Jeweils vier Personen – immer eine Hälfte eines jeden Zwillingspaares – agieren auf der Bühne. Dasselbe Bühnenbild und Darsteller, die genau gleich aussehen – und doch ist das Ergebnis vollkommen anders.
Es ist wunderbares Improvisationstheater, das Breitz hier in Szene setzt. Psychologisch hochinteressant, aber zugleich äußert unterhaltsam. Eine Woche vor der Aufführung erhielten die Teilnehmer lediglich eine kurze Beschreibung der anderen Charaktere. Ein Drehbuch gab es nicht. Das Zusammenspiel auf der Bühne ist vollkommen frei improvisiert. Und erst jetzt wird deutlich, wie sehr sich die Zwillingspaare, die optisch kaum auseinanderzuhalten sind, voneinander unterscheiden. Wieder steht die Identitätsfrage im Mittelpunkt. Und es ist unverkennbar, nicht zuletzt auch in den kleinen, unbewussten Gesten, dass jeder seine ganz eigene Persönlichkeit hat.
Candice Breitz, 1972 in Johannesburg geboren, wendet sich erst Ende der 1990er Jahre dem bewegten Bild zu. 2005 gelingt ihr auf der Biennale in Venedig mit der Videoinstallation „Mother + Father“, einem auf klischeehafte Szenen zusammengeschnittenen Portrait der durch das Hollywood-Kino propagierten Elternrollen, der Durchbruch. Dass sich Breitz darüber hinaus auch für Andy Warhol interessiert, verrät der Kunstdruck des PopArt-Künstlers, der das Bühnenbild der „New York, New York“-Performance ziert. Breitz kennt, was für eine Künstlerin eher selten ist, die Kunst auch von ihrer theoretischen Seite. Sie hat Kunstgeschichte studiert und liebäugelte sogar mit einer Promotion über Warhol.
Ein weiteres ihrer Idole ist John Lennon. „Working Class Hero (A Portrait of John Lennon)“, im obersten Stockwerk des Kunsthauses zu sehen, zeigt Videoaufnahmen von 25 Lennon-Fans im Tonstudio bei ihrer ganz persönlichen Interpretation von Lennons 1970 veröffentlichtem, ersten Soloalbum „Plastic Ono Band“. Sie singen das Album nach, jeder für sich, Stück für Stück. Instrumente sind nicht zu hören. Der Ernst und die große Hingabe der Sänger hat, zugegeben, auch etwas unfreiwillig Komisches. Breitz porträtierte auf diese Weise bereits Madonna, Bob Marley und Michael Jackson. Die Fan-Kultur wird in diesen Arbeiten zum Thema. Und hier spielten Projektions- und Identifikationsmechanismen schon immer eine große Rolle. Was zu der Frage führt, ob wir heute vielleicht den Star-Kult brauchen, um uns selbst zu definieren.
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