Immer noch den Nerv treffen

09. 03. 2010
Dietrich Roeschmann

Georg Baselitz über Provokationen, deutsche Themen und das Verhältnis von Skulptur und Malerei.


Georg Baselitz gehört zu den bekanntesten Künstlern Deutschland. Derzeit widmet ihm das Museum Frieder Burda und die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden eine Doppelschau, in der gleichermaßen seine Bilder als auch seine Skulpturen zu sehen sind. Grund genug, ihn nach der Eigenart seines Werkes und der Beziehung zwischen Malerei und Bildhauerei zu befragen.

Artline: Herr Baselitz, die Doppelschau in Baden-Baden ist eine von mehreren, erfolgreichen Retrospektiven, die sich in letzter Zeit Ihrem Lebenswerk widmeten. Was ist es, das die Menschen an Ihrer Arbeit so fesselt?
Baselitz: Wenn ich das wüsste! Ich bin auch immer sehr überrascht, dass es so ist. Aber warum...?

Artline: Ein Vorschlag: Es ist die Geste der Provokation, verbunden mit dem hohen Wiedererkennungswert ihrer Malerei. Die Kopf stehenden Motive, der wütende Strich, die Tabubrüche in der Darstellung von Sexualität oder Themen der deutschen Geschichte. Ist das nicht der Stoff, mit dem man ein breites, auch kunstfernes Publikum ins Museum locken kann?
Baselitz: Darüber denke ich zum Glück nicht mehr nach. Täte ich das, dann müsste ich mir ja vor jedem Bild überlegen, was ich machen könnte, um die Leute auf meine Seite zu bringen. Das ist vielleicht die Sache von Regisseuren oder Romanschreibern, aber nicht von mir als Maler.

Artline: Warum dann die Provokation?
Baselitz: Als ich zu Beginn der 1960er Jahre anfing zu malen, war die Situation für Künstler hoffnungslos. Aber es überraschte niemanden. Keiner erwartete ernsthaft, von seinen Bildern leben zu können. Damals ging die Diskussion in der Kunst darum, dass man eigentlich keine Bilder mehr malen sollte, und wenn, dann nur noch abstrakt. Aber ich malte nun mal, und zwar auf meine eigene Weise – und ich wollte ein Bild malen, das größer war als alle anderen. Ich wollte anecken, also versuchte ich Bilder aus nichts als der Provokation heraus zu entwickeln

Artline: Das ist Ihnen gelungen. Als Sie 1963 in Berlin Ihre erste Ausstellung hatten, rückte kurz nach der Eröffnung die Polizei an und beschlagnahmte mehrere Bilder, darunter „Die große Nacht im Eimer". Das Bild zeigte einen onanierenden Jungen mit übergroßem Penis. Es machte Sie auf einen Schlag bekannt. War da die Umkehrung der Motive, für die Sie später berühmt wurden, nicht nur eine weitere Strategie, um Aufmerksamkeit zu erzeugen?
Baselitz: Nein. „Die große Nacht im Eimer" sorgte für Aufregung in der Sensationspresse, aber in der Kunstszene wurde ich eher gemieden. Trotzdem ließ ich nicht locker. Ich war auf der Suche nach einem neuen Bildmodell und experimentierte lange daran herum. Ich wollte die Darstellung vom Inhalt befreien. Als ich dann das erste Bild um hundertachtzig Grad drehte, da war mir klar, dass sich ab jetzt alle Fragen nach dem leidigen Zusammenhang von Welt und Bild erledigt hatten.

Artline: Wurde das als Skandal wahrgenommen?
Baselitz: Nein, überhaupt nicht. Als ich diese Bilder 1970 in der Kölner Galerie von Franz Dahlem das erste Mal zeigte, hat das niemanden interessiert. Die Menschen dachten, das sei ein Witz, nach dem Motto: Da hat er sich mal wieder was einfallen lassen ... Das ist die Kehrseite der Provokation – viele wollen den ernsthaften Hintergrund nicht wahrhaben. Aber es war mir sehr Ernst damit!

Artline: Ist Provokation heute noch möglich?
Baselitz: Ja, sicher. Nehmen Sie zum Beispiel Damien Hirst und seinen Hai. Oder Mark Quinn und seine in Marmor gehauene Figur einer schwangeren Contagan-Frau. Das sind Provokationen, die auch heute noch wirken. Natürlich nicht in der Kunstszene selbst, die ja sehr überschaubar ist im Vergleich zum Publikum. Bei vielen Menschen aber treffen sie immer noch einen Nerv. Und das ist wichtig.
Nehmen Sie im Vergleich dazu das Theater: Seit Jahrzehnten gibt es dort keine neuen Stoffe. Alles beschränkt sich auf Shakespeare und Mozart, die immer wieder von Neuem interpretiert werden. Damit die Leute nicht einschlafen, müssen sich die Schauspieler von Mal zu Mal umziehen und drastischer geben. So viele Hitlers und Stalins, wie in den letzten Jahren auf der Bühne zu sehen waren, hat es noch nie gegeben. Das Problem daran ist: das sind gewollte Provokationen. Krampfhaft versucht man da, etwas störend zu machen, und merkt nicht, dass das wirklich Störende der Mangel an neuen Stoffen ist. Die müssten sich ändern, nicht ihre Interpretation. Deshalb halte ich das Regietheater im Gegensatz zur Kunst für erledigt.

Artline: Wie lange mussten Sie auf den Durchbruch warten?
Baselitz: Bis 1980, als sich plötzlich zwei New Yorker Galeristen – Ileanna Sonnabend und Xavier Fourcade – bei mir meldeten, weil sie meinen Auftritt an der Biennale in Venedig gesehen hatten. Kurz darauf stellte ich dann in New York aus. Erst von da an wurde ich auch in Europa und schließlich auch in Deutschland wahrgenommen.

Artline: In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich immer wieder mit deutschen Themen: Helden, Adler, Hakenkreuze, Trümmerfrauen... Verstehen Sie sich als „deutscher" Künstler?
Baselitz: Ich bin ein deutscher Künstler, aber ich will keine Ideologie. Vielleicht wäre es toll, wenn es gelingen könnte, sich daraus zu verabschieden. Man versucht es auch zuerst im Kopf, aber dann merkt man: Es funktioniert nicht. Man kann es nur umkehren und sich sagen: ich habe eine Chance, wenn ich mit dem Stoff arbeite, für den ich zwar keine Verantwortung trage, der aber einfach da ist: die eigene Biografie, die Biografie der Eltern, das Land, in dem man lebt, seine Geschichte. Das ist ein unerschöpflicher Fundus, mit dem man arbeiten kann.

Artline: Sie haben vor einiger Zeit angefangen, Ihre eigenen Bilder aus früheren Jahren noch einmal zu malen. Warum dieser „Remix“?
Baselitz: Ich habe lange Jahre wie ein Psychopath gearbeitet, und immer unter einem gewissen Druck gelitten. Ich nenne das gerne Pression. Ich war äußerst aggressiv. Allen Bildern, die ich damals gemacht habe, spürt man diese Aggressivität an. Und als ich Professor an der Akademie wurde, habe ich das an die Studenten weiter gegeben: Seid aggressiv, scheißt auf die Bilder! Das erledigt sich in der Regel mit dem Ende der Pubertät – aber bei Künstlern dauert die Pubertät oft bis zum 50. oder 60. Lebensjahr. Bei mir war das Anfang der 1990er Jahre der Fall, nach dem Mauerfall. Von da an wurde ich plötzlich ruhiger, ein lustiger Typ, kommunikativ, offen – das erste Mal in meinem Leben, was sicher auch mit meiner Rolle als Lehrer zu tun hatte. Ich habe mir dann meine eigenen Bilder noch einmal angesehen und dachte: Mensch, das sind ja tolle Sachen, die du da gemacht hast! Ich war mein eigener Bewunderer – und schließlich auch mein eigener Schüler. Ich sagte mir: Du machst jetzt mal den Meister nach. Was man als Künstler ja nie darf, weil es verhängnisvoll ist, sich in die Abhängigkeit seines Lehrers zu begeben. Aber weil ich mein eigener Meister war, durfte ich das. Dann habe ich angefangen meine eigenen Sachen zu interpretieren.

Artline: Sehen Sie Ihr Oeuvre dabei eher als biografische Erzählung oder als künstlerisches System, aus dem sie sich bedienen?
Baselitz: Es ist wie ein Tagebuch. Ich weiß genau, was im Juni 1963 war, weil die Bilder datiert sind, und kann mich dann in die Situation von damals versetzen, das nachempfinden und mich über die Fehler ärgern. Und dann mache ich es nochmal, ohne die Fehler von damals, schneller. Es ist eine Frage der Hygiene.

Artline: Eine Frage der Hygiene?
Baselitz: Ja. Als ich 1958 in Berlin studierte, fiel mir das Tagebuch eines Manieristen aus der Renaissance, Jacobo von Pontormo, in die Hände. Auf Altitalienisch. Ein Kommilitone übersetzte es mir. In diesem Tagebuch stand nichts anderes drin, außer wie er gekackt und gepisst und was er gegessen und getrunken hat. Ein rein hygienisches Tagebuch, das er aus einem einzigen Grund führte: er wollte, dass sich sein miserabler Zustand besserte. Er war auf der Suche nach Fehlern, um daraus zu lernen und es anders zu machen. So ähnlich verhält es sich für mich mit den „Remix“-Bildern.

Artline: In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden sind einige Ihre Bilder derzeit im Dialog mit Ihren Skulpturen ausgestellt. Arbeiten Sie parallel in beiden Medien?
Baselitz: Nein, wenn ich Skulpturen mache, dann male ich nicht. Bildhauerei ist physisch ungeheuer anstrengend. Ich würde es körperlich gar nicht schaffen, nebenbei zu malen.

Artline: Warum entscheidet sich ein Maler, Skulpturen zu machen?
Baselitz: Als ich 1980 auf die Biennale in Venedig eingeladen war, habe ich mir den Raum angesehen, in dem bis dahin nur Bildhauer zu sehen waren. Dann dachte ich: Okay, die Zeit ist reif, ich mache jetzt auch eine Skulptur. Das Problem war nur: Wie konnte ich mein Modell der umgekehrten Welt in Bildhauerei übersetzen? Ich habe mich dann gegen eine akademische Lösung entschieden. Ganz simpel: Ich grabe ein bisschen, wühle, und finde ein Stück Holz. Da wusste ich: das ist es. Die Tradition stimmt. In Deutschland gibt es viel Wald, und alle, die hier Skulptur gemacht haben, haben was mit Holz gemacht: Kirchner, Schmitt-Rottluff, Heckel und die ganze Basler Schule mit ihren Negermodellen. Also habe ich da weiter gemacht – trotz all diesen damals angesagten Minimal-Bildhauern wie Carl Andre, Fred Sandback oder Donald Judd, die mit allen möglichen Ausflüchten versucht haben, möglichst keine Bildhauer zu sein. Bei mir hat es funktioniert: Seit dem „Modell für eine Skulptur“ in Venedig mache ich als Bildhauer jetzt reine Volkskunst.

Artline: Ihre jüngeren Skulpturen haben einen sehr melancholischen Humor. Woher kommt der?
Baselitz: Von meinen polnischen Freunden bekomme ich zu allen möglichen Festtagen häufig christliche Volkskunst geschickt. Kleine holzgeschnitzte Figuren: den Sebastian, den Schmerzensmann, den Gekreuzigten, die Maria. Sie alle haben genau diesen seltsamen Humor, von dem Sie sprechen, und der hat etwas mit der Form zu tun. Die Figuren der Volkskunst orientieren sich an Prototypen, die die Kunst über Jahrhunderte entwickelt und variiert hat, aber sie sind immer zwei Schritte hinterher. In diese Reihe habe ich mich eingefügt – mit dem Unterschied, dass meine Figuren nicht in die Tasche passen, sondern riesig sind.

Artline: ... und in riesigen Schuhen stecken. Das sieht oft sehr rührend aus.
Baselitz: Ich habe immer schon Füße gemalt, in den 1960er Jahren waren es ganze Serien. Ich habe mich damals gefragt, was Religion für mich bedeutet, und ich wusste, dass ich damit nicht zu tun haben wollte. Die ganze Ikonografie unserer Religion kommt aus dem Mittelmeerraum. Gekreuzigte, Engel – sie alle haben ihre Vorläufer in Ägypten, lange bevor sich die christliche Religion etablierte. Auch wir haben das adaptiert, jenseits der Alpen, aber ich weiß damit eigentlich gar nichts anzufangen. Viel näher als die Engel sind mir die Trolle, der Elbenwald, alles, was unterirdisch ist. Meinen einzigen Kontakt mit dem Jenseits habe ich über die Füße. Sie sind meine Erdung – ich bin nicht geeignet für Empfang von oben. Wahrscheinlich mache ich deshalb diese Füße...

Artline: Warum tragen dann viele Ihrer Figuren High Heels?
Baselitz: Es gibt in Deutschland etwas, das mich sehr irritiert, und das ist das Pathos. Man kann dem nur entkommen, wenn man ihm ein eigenes Pathos entgegensetzt, das mit Hässlichkeit zu tun hat, mit Wut, aber auch mit Witz.

Artline: Wie sehen Sie die Entwicklung der jungen Malerei in Deutschland? Vermissen Sie dort so etwas wie Wut?
Baselitz: Ich beobachte das sehr genau und freue mich über den Erfolg der Jüngeren. Was ich dort sehe finde ich sehr interessant. Die Skulpturen von Jonathan Meese zum Beispiel, die aus Willem de Koonings Skulpturen eine Banalität machen – das würde mir im Leben nicht einfallen. Oder Daniel Richters hochfrequente Lichtgeisterbilder. So hätten wir damals gar nicht denken können. Die Situation hat sich heute vollständig verändert. Es gibt nichts, was man als Künstler nicht machen kann. Die einen malen wie Dürer, die anderen wie Picasso oder wie Warhol: warum nicht? Die Möglichkeiten sind so groß und so vielfältig geworden, dass es diese Diskussion um ein Entweder-Oder nicht mehr gibt. Als Maler bin ich heute Teil dieser Gegenwart. Ich sehe das als großen Vorteil.


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