Rekonstruierte Träume
15. 03. 2010Annette Hoffmann
Die Ausstellung „Rise and Fall“ im Aargauer Kunsthaus zeigt Filme und Videoinstallationen von Fiona Tan.
Sie sei eine professionelle Fremde, sagt Fiona Tan einmal im Verlauf ihrer Arbeit „May you live in interesting times“. Die Aussage umfasst nicht allein das Fazit ihrer filmischen Suche nach der eigenen Herkunft – Fiona Tan ist die Tochter eines Indonesiers chinesischer Abstammung und einer Australierin und lebt in den Niederlanden. Er beschreibt auch die Geburt der Künstlerin Fiona Tan aus der Wurzellosigkeit heraus. Entstanden ist die Arbeit 1997 als Fernsehproduktion von gut einer Stunde Dauer. Der titelgebende Wunsch ihres Vaters, die Tochter möge in interessanten Zeiten leben, wurde der Familie selbst wohl manches Mal zum Fluch. Die Dokumentation führt Tan nach Australien, Deutschland, Java und China und streift die Verfolgung der chinesischen Minderheit in Indonesien, die Kulturrevolution und die niederländische Kolonialgeschichte.
„May you live in interesting times“ ist die älteste Arbeit in ihrer Schau „Rise and Fall“ im Aargauer Kunsthaus, sie legt die Grundlage für die Auseinandersetzung mit Identität und Erinnerung, die sich durch diese Ausstellung zieht. Gut zehn Jahre nach der Filmdokumentation schuf Tan in Kooperation mit dem Amsterdamer Rijksmuseum die Werkreihe „Provenance“. Die sechs kurzen Videos werden wie gerahmt auf hochformatigen Bildschirmen präsentiert, sie erzählen zwar nicht die Biografien der hier Porträtierten, doch verorten sie Tans Familienmitglieder, ihre Freunde und Bekannte in deren unmittelbaren Lebensumfeld. Es sind die vertrauten Gegenstände und Interieurs, die Intimität stiften und Rückschlüsse auf die gefilmten Menschen erlauben. Da ist ein junges Mädchen zu sehen, das selbstvergessen in ihrem Zimmer auf einer Schaukel vor sich hin schaukelt oder ein Junge, wie er am Busen seiner Mutter einschläft.
So fest umrissen geben sich die Figuren in Tans Installationen und Videos ansonsten nicht, was viel zu ihrer geheimnisvollen Unbestimmtheit beiträgt. In „Rise and Fall“ – wie „Provenance“ Teil ihres Beitrages für den niederländischen Pavillon bei der Biennale im letzten Jahr – oder „Island“ und „Lapse of Memory“ wird das Wasser zur Metapher für eine fließende Identität. Im Zweikanal-Video „Rise and Fall“ sieht man eine junge, attraktive und eine ältere Frau in der Badewanne, in ihrem Haus, im Garten. Ihre Aktionen sind einander ähnlich und doch nicht symmetrisch. Die Bilder sind wie Stillleben komponiert – wie konstruiert sie sind, zeigen in Aarau die ausgestellten Storyboards, der Umgang mit den Motiven jedoch wirkt fast literarisch. Einmal erfasst die Kamera den Moment, in dem die grüne Masse eines Wasserfalls kippt und in den Abgrund stürzt. Er scheidet das Dasein der beiden Frauen in ein aufsteigendes und ein abfallendes und führt doch die beiden Lebensalter einer Frau zusammen. Häufig sind es Individuen, die Tan herausstellt: kleine Inseln im Strom der Erinnerung. Wie der alte Mann, der im Königlichen Pavillon in Brighton eine Zuflucht gefunden hat. Sein Leben wirkt ähnlich hybride wie der Bau aus dem 19. Jahrhundert, dessen Innenräume in der Chinoiserie-Mode dekoriert sind. Henry oder Eng Lee, wie die Erzählerin ihn auch nennt, hat das Meer in beide Richtungen überquert, fremd war er immer. In seinem brüchig werdenden Gedächtnis wird seine Vergangenheit zur Reise, die ausgemalten Szenerien des Pavillons zur erlebten Erinnerung. Träume, so heißt es in Fiona Tans Text zu „Islands“ entstehen erst, wenn sie in Erinnerung gerufen werden: „wir erinnern uns nicht an Träume, wir rekonstruieren sie.“ Aus dem ständigen Wechsel zwischen Ost und West, aus dem Schlaf und dem Wachtraum entstehen die Freiheit der Erzählung und die Möglichkeit einer poetischen Existenz.
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