Artefakte in der Wunderkammer

16. 03. 2010
Annette Hoffmann

Die wundersam-skurrile "Creep-Show" von Steiner & Lenzlinger in der Basler Galerie Stampa.


Da wird ja fast die Natur neidisch. Wer derzeit die Galerie Stampa betritt, muss acht geben, nicht aus Versehen das fragile Gebilde am Türsturz hinunterzureißen. Denn die Creep-Show von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger ist nichts für grobe Zeitgenossen. Im letzten Raum hat das Schweizer Künstlerpaar eines ihrer Mobiles installiert, darunter befindet sich eine Turnmatte ganz ähnlich wie bei ihrem Biennalebeitrag 2003 zum Darunterlegen und Staunen. In einer Ecke steht ein Karton mit einer Art Bausatz: allerhand Skurriles aus Plastik, dazu Draht und Perlonfaden. „Alle Teile nach Gutdünken zusammensetzen und hängen. Nicht pressieren“, steht als Aufforderung dabei. Und ein wenig Gefühl und Zeit braucht es schon, damit aus Knochen Blüten treiben.

Früher hätten Gerda Steiners und Jörg Lenzlingers Hybride Eingang in die fürstlichen Wunderkammern gefunden, in denen Fossilien, ausgestopfte Tiere oder Trouvaillen die Welt als Kuriositätenkabinett vorstellten. Heute sehen Sammlungen bekanntlich anders aus – mag sein, dass ihre Systematiken späteren Generationen kaum weniger willkürlich erscheinen. Das Wesen der Artefakte von Steiner & Lenzlinger liegt in der Verbindung von Disparatem. Aus einer schimmligen Mandarine ragen Rohre aus dem Aquariumsbedarf. Sie ist wie so vieles im Kosmos von Steiner & Lenzlinger aus Plastik. Fernseh-Fernbedienungen lösen sich in undefinierbaren Flüssigkeiten in Einmachgläsern auf, dass man die Eingeweide der Technik sieht. Ein Stück Holz, dem Wasser eine fast stoffliche Oberfläche eingewaschen hat, verlängert sich durch einen kahlen Ast zur Tatze, oder doch zur Qualle? Aus einem Ölbild des Matterhorns wächst ein pinkfarbener Kristall, der einen Hof um sich bildet. „Das Wunder am Matterhorn“ ist diese Arbeit betitelt. Wie bei so vielen der Objekte von Steiner & Lenzlinger ist Harnstoff im Spiel. Es ist ihr „Gespräch mit der Natur“ – das gleichnamige Buch von Emil Egli haben die beiden für eine andere Installation in der Galerie Stampa verwendet. Harnstoff, der als Düngemittel eingesetzt wird, wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erstmals synthetisch hergestellt. In den Objekten von Steiner & Lenzlinger befördert er den Dialog zwischen Kunst und Natur, indem er Wachstumsprozesse in ihr Werk integriert. Prozesse, die durchaus zyklisch zu verstehen sind, so löst das Künstlerpaar die Kristalle auf, sobald die Installation oder Ausstellung abgebaut ist und verwendet das Material neu.

Steiner & Lenzlinger imitieren Vorgänge der Natur mit den Mitteln der Kunst. Nicht alles wirkt dabei derart fröhlich wie die „Creep-Show“ in der Galerie Stampa. Ihr eben erschienenes Künstlerbuch, das 14 Rauminstallationen aus den letzten Jahren vorstellt, zeigt durchaus auch die morbiden Seiten ihrer Kunst und dass sie keine Berührungsängste gegenüber dem Kitsch haben. Wenn Steiner & Lenzlinger die Ordnung der Natur wiederherstellen, dann auf der Grundlage einer grotesken Schönheit.


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