Ansichten von den USA
26. 09. 2008Annette Hoffmann
Wie Fotografinnen und Fotografen jeweils die USA sehen. Drei Bildbände.
Andrea Geyer: Spiral Lands. Chapter 1. Verlag Buchhandlung Walter König Köln 2008, 138 S., 39,80 Euro | CHF 66.00
Die Idee zu ihrem Projekt „Spiral Lands“ kam Andrea Geyer, als sie die Zeichnung eines Lakota-Kämpfers aus dem 19. Jahrhundert sah. Über einem Handelsregister hatte dieser eine Jagdszene skizziert und so seine Heldentat festgehalten. Auf ganz ähnliche Weise überlagern sich in „Spiral Lands“ der Mythos der Ureinwohner mit dem des Wilden Westens, wie wir ihn aus zahllosen Filmen und Fotografien kennen und die Geschichte einer Vertreibung, die sich noch im Uranabbau im Monument Valley fortsetzt. Geyer hat sich auf die Reise begeben und das heutige Indianer-Reservat in Schwarz-Weißfotos aufgenommen, die sie paarweise abbildet. Sie zeigen spektakuläre Felsformationen, Steppengras, die Rundbauten der Ureinwohner und deren Felszeichnungen. Gleichwertiger Bestandteil sind die Texte, die Geyer mit gut 150 Fußnoten belegt. Von hier aus bricht sich ein neues Verständnis des amerikanischen Südwestens Bahn, das die Vertreibung und Entrechtung ebenso miteinschließt wie die Ethnologie und die Mythen der Indianer. Es muss Fragment bleiben und stellt doch die Re-Lektüre einer Landschaft, einer Wildnis dar, die für die Ureinwohner gelebte Erzählung ist.
Helen Levitt: Fotografien 1937–1991, Hatje Cantz Ostfildern 2008, S. 168, 49,80 Euro | CHF 88.00
Viele Worte macht der Band nicht, der die Fotografien von Helen Levitt aus den Jahren 1937 bis 1991 zusammenfasst. Lediglich ein kurzer, bereits 1969 entstandener Text von Walker Evans steht der Auswahl voran. Levitts Arbeiten seien, so sagt der bedeutende Fotograf, eine Form des „Antijournalismus“ und weiter, dass sich mehr Tanz als in ihren Fotos nur noch auf der Bühne fände. Einspruch, möchte man da einwerfen. Denn für Helen Levitt, die niemals viele Worte über ihre Arbeit verlor und nie das Gespräch mit den von ihr porträtierten Menschen suchte, sind die Straßen New Yorks oder New Mexico Bühne für die menschliche Komödie. Frauen mit Lockenwicklern, die eine Lupe brauchen, um den „TV-Guide“ zu lesen, hat sie hier gefunden, einen Obdachlosen mit zwei Einkaufswagen, an denen seine in Tüten verpackte Habseligkeiten hängen und immer wieder Kinder. Kinder, die spontan zu tanzen anfangen und dabei die Rassengrenzen überwinden oder die in einem tristen Hinterhof mit abgestorbenem Baum eigenartige Masken tragen als führte hier Beckett Regie. Levitts Fotografien haben viel mit menschlicher Würde zu tun, die man nicht verliert, wenn das Geld für Zahnprothesen fehlt, die Kleidung zerrissen ist und der Körper gebrechlich wird. Es sind keine Sozialstudien, die Levitt mit ihrer Leica betrieben hat, aber doch ein Eingeständnis des Scheiterns des amerikanischen Traumes.
Peter Granser: Signs, Hatje Cantz Ostfildern 2008, 132 S., 39,80 Euro | CHF 69.00
Die weißen Buchstaben des Schriftzuges „Go“ sind schon reichlich verwaschen und auch der Asphalt vor der Industriehalle ist voller Risse. Was einmal einer Nation die Richtung vorgab, hat sich in Stagnation verwandelt. Mehrere Male bereiste der Stuttgarter Fotograf Peter Granser zwischen 2006 und 2007 Texas. In Schildern, Billboards und Zeichen porträtiert Granser in dieser schön gestalteten Publikation diesen Staat, der häufig als Bush-Country bezeichnet wird. Wer Texas für konservativ hält, geht kaum fehl. Gransers „Signs“ haben Verweischarakter, auf ihnen melden sich fundamentalistische Christen, Hillary-Gegner und Patrioten zu Wort. Der Mensch wird in Peter Gransers Farbaufnahmen selbst zum Zeichenträger, schwenkt Fähnchen oder schultert Kreuze (die er der Bequemlichkeit wegen mit einem Rädchen versehen hat). Eines seiner Fotos zeigt zwei Mütter mit ihren Kindern, die sich in einer Sporthalle versammelt haben. „Welcome Home“ steht auf einem Banner zu lesen, sie warten auf heimkehrende Soldaten. Kein gutes Zeichen.
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