Die abenteuerlichen Reisen des Neal Fox
05. 06. 2009Johannes Dobroschke
Der junge Künstler Neal Fox schickt in seinen Tuschezeichnungen seinen Großvater auf einen Trip.
Da sitzen sie nun zusammen, die an der Welt und sich selbst zerbrochenen Existenzen des 20. Jahrhunderts und prosten sich zu. Dichter, Philosophen, Künstler, Musen, Rockstars, dazwischen Lustknaben, alternde Salonlöwinnen, Figuren aus der Geschichte, Phantasiegestalten. Sie alle hat Neal Fox zu einem bizarren Gruppenportrait arrangiert, das die Grenze zwischen Realität und rauschhafter Vision mit einem „Cheers!“ hinunterspült. Irgendwann fühlt man sich als Betrachter selbst schon etwas beduselt und wundert sich gar nicht mehr, wenn irgendwo im Getümmel der junge Wolfgang Amadeus selbst in die Tasten greift.Die wichtigsten Protagonisten im Pantheon des Neal Fox sind Francis Bacon, William Burroughs und Aleister Crowley. Zu ihnen gesellt Fox seinen eigenen Großvater, den Verleger und Autor John Watson. Er nahm seinerzeit als Pilot an den Bombardierungen deutscher Städte teil und trug ein moralisches Trauma davon. Um dies zu verarbeiten oder zumindest zu ertränken, begibt er sich auf eine fiktive Reise mit den erwähnten anderen grenzgängerischen Geistesgrößen, die selbst ihre eigenen Narben und offenen Wunden mit sich herum tragen. Jedem seiner Anti-Helden widmet Neal Fox deshalb immer wieder Nahaufnahmen. Bacon, der als Künstler eine Sonderrolle einnimmt, wird als zerrissener Charakter skizziert, dessen Depressionen und Gewissenskonflikte ihm den Genuss seines Lebens und seiner Lust unmöglich machen. Aleister Crowley tritt als dionysischer Hohepriester orgiastischer Ausschweifungen auf und William Burroughs durchlebt Delirien des Kontrollverlusts über sein von Drogen, Schreiben und der Leidenschaft für jüngere Männer beherrschtes Leben.
Die Reise der vier beginnt im sündigen Soho der Sechziger. Von da aus führt der Männerausflug zu den Erinnerungsorten der Moderne. Die Reise rund um die Welt ist gleichzeitig eine durch die Zeit und ins Innerste der Teilnehmer. So erinnert das verruchte Berlin der Weimarer Zeit Francis Bacon an die Exzesse seiner Jugend eben dort, Watson aber an seine eigenen zerstörerischen Taten ein paar Jahre später. Weitere Stationen des Trips sind Tanger, die USA, wo Bacon, Burroughs und Co. mit Tom Waits und Lou Reed anstoßen, der spanische Bürgerkrieg und schließlich der Belgische Kongo aus Joseph Conrads „Das Herz der Finsternis“. Eine der neueren Episode der Fox’schen Odyssee widmet sich diesem schwarzen Kapitel der Kolonialzeit. In einer großen, breit aufgespannten Komposition zeigt Conrad selbst seinen sehr speziellen Touristen die Greueltaten Leopolds I. an der einheimischen Bevölkerung.
Neal Fox wirft in dieser Serie von Zeichnungen die Frage nach der wahren Natur des Menschen auf. Die Darstellung der Tiefpunkte der Menschlichkeit in der Moderne und die Psychogramme der Bohemiens, die Fox mithin als Opfer des modernen Menschlichkeitsverlusts betrachtet, münden in lautstarke Zweifel an der Fähigkeit zum sozialen Zusammenleben unserer Spezies. Fox Zeichenstil ist kontrastreich, gar holzschnittartig, seine Kompositionen sind dicht und enorm narrativ. Ereignisse aus Vergangenheit und Zukunft werden in ein und demselben Bild oft auf verschiedenen Ebenen präsentiert. Fox macht so den Bild-Raum zum grenzenlosen Traum-Raum.
Die Galerie Daniel Blau arbeitet seit 2007 mit dem erst 28-jährigen Neal Fox zusammen, der in London lebt und arbeitet. Erst 2005 schloss er sein Studium am Royal College of Arts ab und war seitdem als freier Künstler und Illustrator für große Tageszeitungen wie den Guardian tätig, entwarf aber auch Musikvideos für Pete Dohertys Band „Babyshambles“. Noch im College gründete er mit Freunden das Magazin Le Gun, das mittlerweile international vertrieben wird. Auf einer Le Gun Schau in London konnte Fox 2006 den Münchner Galeristen und Baselitz-Sohn Blau für sich begeistern. Blau organisierte eine Ausstellung in München und ebnete Fox den Weg in Europas Kunstwelt, Ausstellungen in Paris und auf der Art Basel folgten. Fox reiht sich nun ein in das illustre Künstler-Portfolio von Daniel Blau, das ausschließlich große Namen wie Baselitz, Meese, Lüppertz oder Warhol enthält. Auch aus diesem Programm wird die Galerie auf der Art Basel vieles präsentieren, die Einzelausstellung in München jedoch gilt im September Neal Fox.
< zurück