Die Wanderung als Zeichnung:
Katrin Herzners jüngste Arbeit in der Freiburger Galerie Foth
12. 12. 2008Dietrich Roeschmann
Die Wanderung als Zeichnung: Katrin Herzners Installation in der Freiburger Galerie Foth.
Wenn es die erste Aufgabe der Kunst ist, Chaos in die Ordnung zu bringen, dann ist die Freiburger Galerie Foth gerade ein guter Ort für die Kunst. Noch bis kurz vor der Vernissage lagen hier überall Latten, Nägel, Zettel und Klebeband verstreut, darüber eine feine Schicht Sägemehl, der Boden rutschig wie Glatteis. Knapp zwei Wochen baute Katrin Herzner hier an einer Installation, der sie den gegen die Leserichtung stolpernden Titel „da nach < hier von“ gegeben hat. Dieses Stück konkrete Poesie ist ein schönes Bild für den verwickelten Work-in-progress, den die in Berlin lebende Freiburgerin seit Ende November in der Galerie ausstellt.Als Herzner am vergangenen Samstag die Sägespäne zusammenkehrte und den Schutt entsorgte, um ihre Vernissagen-Gäste zu empfangen, war die Hälfte der Ausstellung bereits gelaufen. Auch ein Teil ihrer Arbeit ist jetzt schon Geschichte, denn der Aufbau, sagt die 29-Jährige, gehöre immer zu ihren Installationen dazu. Es ist die Zeit, in der eine Idee Form annehmen kann. Tage, in denen sich zum Beispiel eine Bleistiftskizze, die sie in ihrem Berliner 2-Quadratmeter-Mikro-Atelier angefertigt hat, im Galerieraum zu einer raumgreifenden Holzkonstruktion entfaltet, die wie eine Baumhausversion von Wladimir Tatlins „Denkmal für die III. Internationale“ aussieht. Auf dem begehbaren Gerüst kreist eine aus Spanplatten gesägte Vorrichtung, auf der ein Diaprojektor langsam seine Runden zieht und dabei die zu einem Loop verklebten Diapanoramen an die Wand projiziert, die Herzner bei ihrer jüngsten Wanderung durch Freiburg fotografiert hat. Keine Frage: Katrin Herzner konstruiert gerne. Es sind aufwändige, chaotische Apparaturen aus rohem Holz, mehr Raumzeichnungen als Maschinen, aber sie funktionieren. Nicht nur als mechanische Geräte, sondern vor allem als überdimensionale Hohlformen einer Idee, die oft auf wunderbar verquere Weise mit Landschaft und noch öfter mit Stadt zu tun hat.
So erweist sich auch der Tatlin-Tower, den Herzner bei Markus Foth präsentiert, als das groteske Resultat eines Gedankens am Ende einer langen Kette von selbstgewählten Regeln und Zufällen, die bei der Ur-Formel jeder Wegbeschreibung ihren Ausgang nahm: „A > B“. Zu Beginn ihres Projekts hatte sie diese Lettern an das Schaufenster der Galerie geklebt, sie auf einen darüber gelegten Stadtplan von Freiburg gepaust und sich dann mit der Kamera aufgemacht, um der Spur der Zeichen auf ihrem Plan durch die Stadt zu folgen. Die bei dieser Exkursion entstandenen Aufnahmen von Häuserzeilen, Hinterhöfen und Brachen, die der Projektor jetzt in endlosem Taumeln an die Wände wirft, dokumentieren den Versuch, das spontane Medium der Zeichnung in das gänzlich flüchtige der Wanderung zu übersetzen. Jeder Aufwand, diese wiederum in Bildern zu reproduzieren, ist dagegen zum Scheitern verurteilt. Das weiß auch Katrin Herzner. Dass sie es dennoch mit allen Mitteln probiert, macht die eigentliche Poesie ihrer Arbeit aus. Was diese Materialschlacht nämlich vor allem vorführt, ist ihr immaterieller, unsichtbarer Kern: die physische und mentale Erfahrung von Raum und Zeit, die das Gehen bedeutet. Dass dieser Erfahrung eine Zeichnung zugrunde liegt, deren Bildträger eigentlich die Stadtlandschaft selbst ist, wirkt dabei wie eine versteckte Hommage an Land Art-Künstler wie Richard Long, Hamish Fulton oder an das Dérive der Situationisten.
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