Die Evolution des Hofnarren

24. 03. 2009
Codec aka Niklas Völker

Was ist Visual Music? Ein Beitrag aus dem Band "Audio.Visual".

Yippiyahyeah. Runder Tisch in der Pfadfinderei um, sagen wir, 13.00 Uhr am Montagmorgen. Die Gigs von der Booking Agentur liegen auf dem Tisch und wir picken uns jetzt mal exemplarisch einen raus – einen schönen aber nicht zu exotischen. Festival vielleicht, Outdoor, Südeuropa, mit internationalen Electronic Live-Acts, danach DJs, vier Stunden Set. Sauber. Dann werden die anderen Gigs brav nach Liste verteilt, bei gleichstarken Halbstarken mit identischen Interessen erfolgt das allzeit beliebte Streichholzziehen. Bei sieben Mann fällt aber für jeden ein Krumen ab. Also, die Würfel sind gefallen und während Spieler A und Spieler B an besagtem Wochenende nach Buenos Aires für ein Ausstellungsprojekt jetten, Spieler C und D die Modeselektor Shows in Prag und Wien rocken, begleiten wir Spieler E, F und G auf ihrem – sagen wir: Trip. Und der fängt schon zwei Wochen vorher an.

Schreibtisch, Laptop, Kippe, Email. Aufsicht-Pläne der Venue, Digifotos, ein bisschen Architekturbüro-Ambiente. Installation planen, PDFs bauen, Technical Rider den Gegebenheiten des Raumes anpassen, effiziente Kommunikation macht Freude. An anderen Tischen: Line-Up bauen, DJ Namen animieren, sich im besten Falle vom guten Corporate Design des Festivals inspirieren lassen und neue Filme bauen. Neue Filme bauen, das ist des Pudels Kern. Die Essenz des kreativen Schaffens. Vektoren formen, Drehs organisieren, Dinge bewegen, Keyframes schieben – Yeah Yorr – intrinsische Motivation halt. Und das Ergebnis? Eine mittlerweile zehn Jahre alte Video-Library, stetig wachsend, Synonym ihrer Zeit, von sieben Brüsten genährt und Ausdruck der Leidenschaft für das, um was es hier geht: Live-Video. Weiter im Text. Abreisetag: Edirols, Widestage und die persönlichen Äpfel einpacken. Edirol? Videomischer. Gute Haptik, wichtig für’s Spielen. Widestage? Der letzte Schrei im Hause Pfadfinderei, ein Setup, das es erlaubt, drei oder mehrere Videoprojektoren live mit einem Bild zu bespielen. Warum außergewöhnlich? – Weil mit der Widestage vor zwei Jahren ein neues Format in die Produktion Einzug gehalten hat. Basierend auf HD-Technologie und endlos skalierbaren Vektoren kann ein Format produziert werden, das den physiologischen Gegebenheiten des menschlichen Gesichts Tribut zollt: eine Verbindung zwischen dem rechten und dem linken Augen bildet eben kein Rechteck, sondern ein Strich. Widestage eben. Also weiter. Taxi, Tegel, zwanzig Euro, Berlin ist fantastisch. Am Flughafen: Handgepäck, willkommen beim Absaugen, durch die Gangway und ab dafür. Landen, Promoter begrüßen, Autofahrt. Im besten Fall gehobene Klasse, kurze Fahrt und Sportzigarette, im schlimmsten Fall das Gegenteil. Rein in die Venue, Technik-Setup, Meeting mit dem Lighting Engineer und dann Abendessen in Begleitung. Danach Hotel, kurz ablegen, dann wieder Venue. Erstmal Backstage. Ein großes Hallo, alte Bekannte, dann wird's meist spaßig. Ein paar Drinks, bevorzugt Wodka, aber auch Champagner ist ein gern gesehener Gast im Artist-Kühlschrank. Und Stagetime. Wichtig: Stage, nicht FOH. Alles dreht sich um Beats, dumpf beim Nähern der Bühne und betörend laut und klar beim Aufklappen der Rechner. Here we go. Während Spieler E die Mixer zurechtreitet, formen Spieler F und G den visuellen Rhythmus. Die ausgewählte Filmsequenz wird auf die Musik synchronisiert, dies geschieht mit der Klaviatur der Tasten. Unentwegt wird der Film gleichsam „getastet“ und somit auf Beat gesetzt. No soundbased input sh*t. Visuelle Kommunikation – Spieler G wählt einen Film, Spieler F antwortet mit einem passenden. Und der Mann am Mixer bringt alles zusammen. It takes team work to make a dream work. Rollenverteilung? Weil man Streichhölzer im Dunkeln schlecht sieht, werden die Positionen nach Gefühl gewechselt. Jeder ist Regisseur, Kurator und Rhythmusmaschine. Inhalte? Klare Formensprache, punchende Grafik, scharfes Video, wenig Effekte. Und auch mal ein wenig Humor. Spaßfaktor? Andere spielen Playstation im Wohnzimmer, wir machen Live-Video in Clubs. Und das ziemlich lange. Um 5.00 Uhr ist jedoch die Energie verbraucht. Mit Tunnelblick an die Bar, Kommunikation ist schwierig, erstmal runterkommen. Das Festival läuft noch eine Stunde, also bekommt man sogar noch was mit, was für ein Segen. Segnen möchte man allerdings auch so manchen Besucher um die Uhrzeit. Egal. Cash. Karre und Hotel. An der Minibar nochmals kurzer Rückblick auf den Abend und dann die kollegial inspirierte Telefonkonferenz: „Hier Sevilla – Buenos Aires, bitte kommen...“ – „Hier Buenos Aires beim Abendessen, was macht Wien?“ „Yo, hier Wien, Ufftz, ufftz, ufftz – Party läuft noch – Show war der Hammer – wir sehen uns Montag...“ Yippiyahyeah. Montagabend Berlin Cookies. Yellow Lounge, Klassik, Yundi Lee spielt Klavier, die Pfadfinderei macht Live-Visuals. Ja, wir können auch anders.

Der wesentliche Unterschied zwischen Konzerten vor zwanzig Jahren und heute ist die Virtualisierung des musikalischen Entstehungsprozesses. Während man bei akustischen oder elektrisch-verstärkten Bands als Zuschauer Zeuge der Entstehung eines Tones ist, so versteckt sich dieser Prozess bei elektronischer Musik hinter Laptops und Controllern, die Musikern könnten hinter ihren Bildschirmen genauso gut Emails auf der Bühne checken. So entstand ein visuelles Vakuum, das gefüllt werden wollte. Dies hat zu einem Bedarf an Personen geführt, die das Erlebnis Konzert- oder Clubnacht visuell komplettieren. Es geht dabei um Ästhetik, um Licht, um Rhythmik, um Rausch, um Assoziationen. Kennzeichnend hierbei ist, dass der Bedarf der Zuschauer und das Bedürfnis des visuellen Künstlers Hand in Hand gehen. Der Drang der VJs, visuelle Inhalte zu produzieren, eine spezielle Handschrift zu entwickeln und diese nach Außen zu tragen, und der Wunsch der Zuschauer nach spektakulären Erlebnissen bedingen sich gegenseitig.

Ein weiterer Motor in der Entwicklung der VJ-Kultur ist der Fortschritt der technologischen Möglichkeiten. Der Musiker und Medienkünstler Nam June Paik prophezeite im Jahr 1965, dass die Künstler einmal ganz selbstverständlich mit elektronischen Apparaturen arbeiten würden, wie sie es seinerzeit noch vorwiegend mit Pinsel, Violine oder Abfällen taten. Kunst ist nicht und war noch nie limitiert auf ein Medium, vielmehr hat sie sich Medien zu eigen gemacht und diese für ihre Zwecke genutzt. So generiert der Zuwachs an Displays im Alltagsleben einen Bedarf an alternativen Inhalten, die nicht Werbung oder Nachrichten sind, wie man an der wachsenden Anzahl von Multimediainstallationen im Alltagsleben beobachten kann (z. B. Heathrow Terminal 5). Entertainment ist dabei ein Keyword des neuen Jahrtausends.

Aber zurück zum Video in den Clubs, zu den Visuals: Die Bedeutung von Visuals wird oftmals überinterpretiert. Live-Video ist keine neue Kunstform oder tritt gar in Konkurrenz zu den tradierten Bilderwelten des narrativen Kinos, ebenso wenig wie es in die intellektuelle Sphäre der Videokunst eingreift. Live-Visuals sind vielmehr eine Art Zwitterwesen zwischen ästhetischer Aussage und Diskolicht. Visuals sind eine Chimäre ihrer Zeit, einer Zeit des digitalen Handwerks, einer Zeit mit gesteigertem Bedürfnis nach Konsum und Thrills. Die Möglichkeiten dieses Handwerks werden ausgeschöpft, um Virtualität zu erschaffen. Ausbruch aus dem Alltag ist hierbei ein wesentliches Motiv. Aussagen werden getroffen, sind aber nicht Hauptaugenmerk, vielmehr geht es darum, einen passenden Hintergrund, das optimale Bühnenbild für den Besuch des Clubs oder Festivals zu entwickeln.

Live-Video, VJing oder Visuals sind somit Kunsthandwerk, zweckorientiertes Entertainment – die Evolution des Hofnarren quasi. Jedoch: dieses Handwerk breitet sich aus, entwickelt verschiedene Stile, Handschriften und Richtungen und lässt Diskurse auf Festivals, in Universitäten oder Publikation entstehen. Ein neues Spielfeld ist eröffnet.



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